Zeit ist Geld. Auch beim Dating. Kommunikation wird überbewertet.

Der Titel würde jetzt die Durchführung eines Speed-Datings zwangsläufig zu einer wahren Goldgrube machen. Vielleicht ist es das auch. Aber darauf ziele ich gar nicht ab. Es geht eher um die Kürze, die in Datingportalen vorherrscht. Hat Mann echt so viel Druck, dass es so schnell gehen muss? Ok, versteht mich nicht falsch! Ich wäre der Letzte, der sich jetzt gleich Philipp Scheidemann vom Balkon raushängt und statt einer Republik die Einführung der einzigen wahren Liebe auf #planetromeo fordert. Aber reflektieren wir doch mal für einen Moment, was wir da alle machen. Wir suchen einen oder mehrere Partner, für was auch immer. Ich lehne mich mal aus dem Fenster – ahoi Scheidemann – und sage, dass es in den meisten Fällen um Sex geht. Auch wenn man eine Beziehung sucht, geht es im Endeffekt um Sex, also um einen Partner für Intimitäten.

Wenn ich mich also jetzt auf die Jagd begebe, mich ins digitale Unterholz pirsche, die Witterung einer adäquaten Beute aufnehme und ihr – ich verlasse mal die Metapher – schon leicht sabbernd eine Nachricht mit einem, wie es mir scheint, gekonnt freundlichen Gruß zukommen lasse, warte ich vor dem Handy/PC/Tablet/whatever darauf, dass die Beute dem Luder aufgesessen ist. (Nie war eine Jagd-Metapher passender!) Langsam ist mein Speichelfluss schwer zu stoppen, meine Hände werden schwitzig, die Zeit verrinnt, keine Antwort. Da kann doch was nicht stimmen. Ich sehe nach, ob die Nachricht vielleicht nicht gesendet wurde. Und siehe da: Doch, sie wurde sogar gelesen, er war auch auf meinem Profil, doch es wurde nicht geantwortet. ‚Was ist der Grund?‘, frage ich mich. War die Nachricht nicht ansprechend genug? Ich war höflich, hab einen guten Tag gewünscht, ein Kompliment gemacht, Fragen gestellt, auf die man hätte antworten können. Seh ich vielleicht doch so scheiße aus? Selbstzweifel.

Soweit die Bestandsaufnahme, die wahrscheinlich jeder kennt. Kommen wir zur Analyse. Aus biologischer Sicht ist das Datingverhalten ein völlig natürlicher Prozess: Das möglichst weiträumige Verteilen des Erbgutes. Und da wir Männer sind, müssen wir das mit einer möglichst hohen Anzahl an genomen Variabilitäten praktizieren. Anders als bei Frauen, die eher darauf bedacht sind, wenn sie denn mal ein passendes Genom gefunden haben, eine möglichst hohe Quantität an Reproduktionen mit diesem genetischen Material hinzukriegen. Sprich: Männer poppen durch die Gegend, Frauen kriegen von ihrem einen Mann nicht den Hals voll. (Subtext ist nicht beabsichtigt, Ausnahmen bestätigen die Regel.) Entsprechend will man(n) dann wohl auch beim Dating keine Zeit verlieren und wählt schnell den adäquaten Partner aus, um das Erbgut möglichst zielgerichtet zu verteilen. Soweit die Biologie, soweit normal, soweit unterscheiden sich übrigens Heteros auch nicht von Homos. Männer sind alle gleich.

Der Kulturwissenschaftler in mir spricht da aber auch noch eine andere Sprache. Wäre die Menschheit/Gesellschaft zivilisatorisch auf dem gleichen Stand der Evolution, wäre alles kein Problem. Ist sie aber nicht. Wir sind unserer Zeit weit voraus. Wir sind eine Horde Neanderthaler mit Smartphones, die sich anmaßt, zivilisert zu sein. Die Menschheit hat technisch und zivilisatorisch gerade in den letzten 150 Jahren enorme Sprünge nach vorne gemacht. Evolutisch sind wir aber noch lange nicht so weit. Wir können unsere Triebe nur mäßig den Gegebenheiten anpassen und müssen uns immer wieder beherrschen und auf den Boden zurückholen.
Wir halten immer wieder gerne lobpreisend, gleich einer hehren, dauerlodernden Fackel die Errungenschaften der Zivilisation vor uns her. Wie etwa die Menschenrechte, Freiheit, das Recht auf Pimpern mit wem man will. Aber ganz fix holt uns die Biologie ein, sobald es ums Vögeln geht. In dem Moment, in dem der Neurocortex nur noch rudimentär blutversorgt ist, werden zivilisatorische Reize ausgeblendet.

Denn, um wieder zum eigentlichen Thema zu kommen, was unterscheidet eine Dating-Plattform denn eigentlich vom „echten Leben“? Nichts. Es geht um Kommunikation, um Vernetzung von Menschen. Sei es für eine lange Zeit, einen Quicky oder für ein paar Stunden. Und wenn wir von einer Kommunikation sprechen, sollte es auch um eine solche gehen. Wenn ich angesprochen werde, antworte ich. Und sei es nur, um zu sagen, dass ich kein Interesse habe. Eine Zivilisation kann in ihrer Qualität daran gemessen werden, wie die Menschen miteinander interagieren. Es gibt mit Sicherheit ein paar Leute in den Datingplattformen, die bekommen mehr Zuschriften als andere. Ich hab auch schon mal den Satz gelesen „Wenn ich jedem antworten würde, hätte ich gar keine Freizeit mehr.“ Come on 😀 So geil kannst du nicht sein! Selbst wenn man jedem nur schreibt: „Sorry, kein Interesse“ oder sogar die vorformulierten und gespeicherten Texte anklickt, bleibt für die wichtigen Chats noch genügend Zeit und der Höflichkeit ist Genüge getan. Denn „Keine Antwort = kein Interesse“ bedeutet nichts anderes als „Ich hab einfach keine Erziehung gehabt.“ Wenn ich auf der Straße meines Weges gehe und angesprochen werde, weil jemand was wissen will, dann seh ich den ja auch nicht entsetzt an und gehe dann panisch weiter.Natürlich steht das Nichtantworten hier stellvertretend für eine Reihe von Phänomenen, die so nur in Chats auftreten, nie aber tatsächlich Face-to-Face in Erscheinung treten würden.

Im Internet kann ich mich hinter einer dichten Wand von blauer Anonymität verstecken. Da kann ich mich auch benehmen wie die vielzitierte Axt im Wald. Kennt mich ja eh keiner. So what? Am besten, ich hab auch kein Bild im Profil, dann kann ich noch hübsch Leute beleidigen. Auf Typen, die nicht 100% meinem Beuteschema entsprechen, muss ich auch nicht reagieren. Überhaupt: Ich kann mir doch einfach 100% das raussuchen, was ich will, oder? Den perfekten Kerl. Der, bei dem alles passt. Der 100% genauso aussieht, wie ich das will, der genau den Dödel hat, den ich will, genau das Maß an Körperbehaarung, die Ohren genau in dem Winkel abstehen, auf den ich stehe und die Finger keinen Millimeter länger sind, als ich das will. Auf alle anderen Messages antworte ich gar nicht erst. Ich schreib aber auch keinen an. Mich wird mein Mr. Perfect schon finden. Dass ich kein Foto im Profil hab, wird schon kein Problem sein. Kommt ja auf die inneren Werte an. Bis dahin lamentiere ich aber noch rum, dass echt mal wieder nur Idioten und Spinner im Chat unterwegs sind.
……..
Merkste selber, ne?

Ok ok.. Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Der bin ich auch nicht. Es kommt auch vor, dass ich nicht antworte. Dazu ne Anekdote: Mein Profil bei Planetromeo ist eigentlich ziemlich offen gestrickt. Keine Altersbeschränkung, kein „Ich suche..“. In meinem Text – wenn man ihn denn liest – kann man ersehen, dass ich mich über Nachrichten immer freue. Jüngst kam eine Message eines 64-jährigen. Was an sich für mich kein Problem ist. In seinem Profil war aber kein Foto, was für mich einen Chat aber schon ausschließt. Normalerweise frage ich dann nach, ob er mir eins in einer privaten Nachricht schickt, einige möchten ja ungeoutet bleiben. Allerdings beinhaltete die Nachricht nur ein „Bock??????“, gefolgt von einer nicht geringen Auswahl von Fotos seines nicht gerade ansehnlichen Genitals in sehr verschiedenen und, man kann euphemistisch eventuell sagen, kunstvoll angerichteten Posen während und nach dem vollzogenen Akt. Nachdem ich die Schockstarre überwunden hatte, die für mich ein wenig wie das Gefühl bei der unfreiwilligen Betrachtung eines schrecklichen Unfalls war, überwunden hatte, konnte ich nicht anders, als die Nachricht schnell zu schließen und haderte mit mir, ob ich ihn verbal falten oder mir einfach nur einen Whisky holen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Eigentlich war das ein bisschen so was wie eine visuelle Vergewaltigung. Nichts in meinem Profil weist darauf hin, dass ich so was wünsche! Warum tun Leute so was? Bitte, tut das nicht! Wenn Menschen mit euch Sex haben wollen, werden sie es euch sagen. Wenn ihr mit jemandem Sex haben wollt, sagt es ihnen, aber fallt nicht direkt mit dem Bett ins Haus!

Wir sollten wirklich dazu übergehen und das Internet als Medium sehen, Kommunikation zu betreiben, die wir normalerweise Face-to-Face machen würden. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein Mittel zum Zweck. Das heißt aber auch, dass die Regeln, die uns – hoffentlich – unsere Eltern für eine herkömmliche Art der Unterhaltung mit auf den Weg gegeben haben, auch für das Internet gelten. Seid doch einfach freundlich zueinander. Niemand will mit Selbstzweifeln leben oder sich darüber Gedanken machen müssen, ob mit ihm alles stimmt. Behandelt den anderen so wie ihr selber auch behandelt werden wollt. Oder, um es mit Kant auszudrücken: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

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