Das Flüchtlings-Vorurteils-Roulette

In den letzten Monaten habe ich viele Dinge über Flüchtlinge gehört. Manche sind so was von an den Haaren herbeigezogen, dass ich mich genötigt sah, darüber zu schreiben, über andere muss man wirklich mal sprechen. Ich kenne einige Flüchtlinge, ein Freund von mir ist selber aus Syrien gekommen, weil er keine andere Möglichkeit mehr sah; weil er nicht sterben wollte.

Deutschland, der Schatz der Nibelungen

Ich dachte immer, dass ich in einem Land lebe, das stolz auf seinen Wohlstand sein kann und diesen auch gerne mit anderen teilen kann, denn es hat mehr als genug Ressourcen. Es kam aber alles anders. Der Deutsche sah seine Ressource bedroht und entwickelte einen ungeheuren Futterneid rund um sein kultiviertes Brauereigeschwür. Da wollte man das zarte Land der Dichter und Denker, deren offenkundliche Redner weder das eine noch das andere sind, vor dem infernalischen Ansturm muselmanischer Horden mit Halbmonden und Teppichen bewaffnet, schützen, die das Rheingau in eine Wüstenoase zu verwandeln drohten. Schon wähnten hehre Sittenwächter das Deutschtum gefährdet, Grimms Märchen durch Scheherazade ersetzt.

Was ist es aber, das deutsche Junker so in Schrecken versetzt? Wieso lehnen wir uns nicht einfach zurück und lassen die Zahlen nicht für sich selber sprechen? Wir haben ein Bruttosozialprodukt wie lange nicht mehr. Die Kassen sind voll, die Steuern verhältnismäßig niedrig und Mutti Merkel tut doch eh nix.

Fakt ist, dass Angst wohl eine riesengroße Rolle spielt. Angst vor dem Neuen und vor dem Unbekannten. Was sonst lässt einen braven deutschen Bürger wohl sonst am Rad drehen und den verbalen Berserker mimen, wenn es darum geht, ein paar vor einem infernalischen und brutalen Bürgerkrieg flüchtende Menschen in Deutschland aufzunehmen.

Das Flüchtlings-Vorurteils-Roulette

„Die nehmen uns ja alle Jobs weg.“ Sorry. Wenn es Flüchtlinge, die kein Wort Deutsch können, schaffen, dir den Job wegzunehmen, solltest DU dir Gedanken machen.

„Bald leben nur noch Moslems in Deutschland. Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ … Ohne Worte… Naja, Ein Artikel ohne Worte wäre blöd. Also doch: In Deutschland leben rund 80 Millionen Menschen. Tendenz steigend. Dieses Jahr sind 1 Millionen Flüchtlinge aufgenommen worden. Selbst mit dem demografischen Wandel würde es also noch rund 100 Jahre dauern, bis nur noch Moslems hier wohnen würden. Und mal ehrlich: Eine Völkerwanderung von 100 Jahren auf ein Gebiet so groß wie die BRD hat es seit dem Exodus aus Ägypten nicht mehr gegeben. Die Chancen darauf sind aber recht gering, da es in letzter Zeit auch wenig Pharaonen gegeben hat, die von biblischen Plagen heimgesucht wurden. Auch die Nummer mit den Erstgeborenen und so müsste noch kommen…

An alle, die noch behaupten, der Islam gehöre nicht zu Deutschland, sei gesagt, dass sie sich doch bitte mal Geschichtsbücher zur Hand nehmen mögen. Nicht nur, dass die Bundesregierung in den 1960er Jahren gezielt Gastarbeiter nach Deutschland geholt hat, nein, der Islam ist seit dem Mittelalter in Deutschland und Europa fest etabliert und hat ein Gesicht in der Gesellschaft. Die iberische Halbinsel ist erst seit dem 15./16. Jahrhundert in „christlicher“ Hand, das Osmanische Reich erstreckte sich bis kurz vor Wien. Gerade und eben jene Begegnungen vor Wien führten nach den Belagerungen zu vielen seltsamen Begebenheiten, die zeigen, dass der Islam sehr wohl zu Deutschland gehört! So wurden u.a. viele Türken in Gefangenschaft genommen. Die meisten überlebten nicht, viele führten aber in Deutschland – damals noch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation – irgendwann ein autarkes Leben. So war es ein Türke, der das erste Kaffeehaus Europas eröffnete. Einige sind sogar in den Adelsstand erhoben worden, sie brachten es tatsächlich richtig zu was. Self-made-men nach der Gefangenschaft. Und – jetzt kommt’s – der erste urkundlich bekannte türkischstämmige Deutsche, der zum Christentum konvertierte (oder dahin konvertiert wurde) war Sadok Seli Soltan (ca. 1270 – 1328), von dem ausgegangen wird, dass er zu den Vorfahren Goethes gehört. Und was bitte ist denn deutscher als Goethe?! Ich glaube, damit hab ich die Kritiker erstmal mundtot gekriegt.

Übrigens auch ein interessanter Artikel, wie sehr Europa von der islamischen Wissenschaft abhängig ist, ohne die Europa gar nicht in die Aufklärung gegangen wäre, die ja derzeit immer wieder so oft herangezogen wird, findet sich hier bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

„Dann haben wir bald überall Moscheen. Wir dürfen da ja auch keine Kirchen bauen.“ Aha. Zum einen muss ich mal sagen – ich hab zwar nur ein Semester Kunst- und Architekturgeschichte studiert, aber ich habe selten so filigrane und kunstvolle Bauten gesehen, wie einige Moscheen und bin froh, wenn unsere architektonische Landschaft, die von einem derzeitigen kühlen und funktionalistischem Minimalismus beherrscht wird, dadurch bereichert wird! Aber wie oben schon erwähnt, wird es wohl nicht dazu kommen, dass „dann plötzlich überall“ Moscheen stehen. Wo sollen die auch herkommen?

Werden wir mal juristisch. Artikel 4 des Grundgesetzes regelt die Religionsfreiheit. Die gilt für jeden. Für Christen genauso wie für Moslems. Wer seinen Glauben ausüben möchte, darf das tun und ist nicht beschränkt. So ist das in Deutschland. Wer damit nicht klar kommt, darf gehen. Ob er hier geboren ist oder nicht. In anderen Ländern sieht das halt anders aus, da sind Gesetze anders. Und genauso, wie Gesetze in Deutschland geachtet werden müssen, müssen Gesetze in anderen Ländern eben auch geachtet werden. Mit allem Für und Wider. So sind se halt. In Saudi-Arabien dürfen keine Kirchen gebaut werden und keine christlichen Gottesdienste ausgeübt werden. Wohingegen im Land der höchsten muslimischen Bevölkerung, Indonesien, dauernd neue christliche Kirchen gebaut werden. Ebenso im Iran. Hier nachzulesen. Das ist eben Sache des Landesgesetzes, genau wie bei uns. Und diese Argument mit „Dürfen wir ja ‚da‘ auch nicht!“ ist genauso bescheuert wie „Der hat mir meinen Bagger weggenommern, jetzt mach ich seine Sandburg kaputt!“. Werd mal erwachsen. Gesetz ist Gesetz. Wir haben hier unsere, die haben da ihre. Andere Länder, andere Sitten.

Das Flüchtlings-Aschenbrödel am Bosporus

„Da kommen doch nicht die versprochenen Fachkräfte sondern nur Kriminelle nach Deutschland.“

Schwierig. Gehen wir da mal mit einer naiven Logik ran. Nehmen wir an, in Deutschland bräche Krieg aus. Nehmen wir weiter an, ein Tortenstück der Deutschen von x% quer durch die Bevölkerung und quer durch die sozialen Strukturen verließe das Land aus Angst, dem Krieg anheim zu fallen. Wie sähe das dann an Facharbeitern, Akademikern, Arbeitern, Arbeitslosen und Kriminellen aus, die wohl zu unterschiedlichen Zeiten die Flucht ergreifen würden? Hm? Richtig. Wir können wohl LOGISCHERWEISE nicht davon ausgehen, dass von den 1 Mio. Flüchtlingen 990.000 Ärzte hier in Deutschland landen, die sofort in einem Krankenhaus Hirnchirurgie betreiben werden. Vielmehr werden das wohl ganz normale Menschen sein, die zum Teil auch mit ihren Familien herkommen. Oder allein, um hier Fuß zu fassen und ihre Familien nachholen oder oder oder. Und da werden dann auch – genau wie in unseren sozialen Strukturen – schwarze Schafe dabei sein, die sich nicht an unsere Gesetze halten. Es wäre illusorisch anzunehmen, dass das nicht so wäre. Glücksritter gibt es überall und in jedem Land. Da bin ich – und das ist meine persönliche Meinung – dafür, den Direktflug zurück zu buchen. Das Rechtssystem in Deutschland ist aber ohnehin problematisch. Durch das Asylpaket II geht es aber in die richtige Richtung, was eine Ausweisung im Straffall angeht. Ich sehe das allerdings ein bisschen schwierig an, jemanden einfach in ein Flugzeug zu stecken, wenn er hier was geklaut hat und in einen Krieg zu schicken. Das ist unverhältnismäßig. Man muss also auch da die Verhältnismäßigkeit mit der Straftat sehen. Prinzipiell muss das aber eine Auswirkung auf das Asylverfahren haben.

Fakt ist aber auch, dass Flüchtlinge, die durch die Türkei kommen und einen Akademikerstatus haben, gar nicht erst in die EU weitergelassen werden. Die müssen nämlich da bleiben. In Ankara passiert quasi ein Flüchtlings-Aschenbrödel. Die Guten an den Bosporus, die Schlechten in die EU.

Nationalstolz -.-

„Die kommen mit den deutschen Werten nicht zurecht. Die integrieren sich nicht in die deutsche Kultur. Die passen nicht in die alten deutschen Werte.“

Aha. Deutsche Kultur. Wasn das? Es gibt die Theorie, dass sich das kulturelle Gedächtnis so auf 2-3 Generationen erstreckt. Was davor liegt, kann nur durch schriftliche Zeugnisse erhalten bleiben. Das ist des Pudels Kern. Ich mutmaße mal zynisch ins Blaue, dass die Protagonisten dieser Vorurteile einen erschwerten Zugang zu solcher Literatur haben. Geschichtsbücher. 5. und 6. Klasse. Deutschland in der jetzigen Form gibt es seit dem 03. Oktober 1990. Das sind gerade mal 25 Jahre. Ein demokratisches Deutschland gibt es seit dem 23. Mai 1949. Keine 70 Jahre. Gehen wir ein bisschen weiter. Das Wort „Deutschland“ gibt es seit dem Wartburgfest der Studentenbunde 1817. Bald 200 Jahre. 1815 gab es als lockeren Zusammenschluss den Deutschen Bund. Vorher gab es überhaupt kein Zusammengehörigkeitsgefühl der Staaten im früheren Territorium des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Nichts! Im Gegenteil, einige Staaten lagen im Clinch miteinander. Fucking USA haben eine längere Kulturgeschichte als Deutschland! Also kommt bitte nicht mit der alten Historie Deutschlands an, auf die man ja soooo stolz ist! Man kann ja vielleicht eine gewisse Art des Nationalstolzes hegen auf das Großherzogtum Hessen. Oder das Königreich Hannover. Oder das Königreich Bayern. Warum auch immer. Wobei ich eh ein Problem damit habe, auf ein Land stolz zu sein, in das ich geboren wurde. Da kann ich ja nichts für. Da hab ich nichts für getan, also muss ich nicht darauf stolz sein. Da kann ich mehr stolz darauf sein, wenn ich es als Baby gepackt hab, mein erstes Häufchen aufm Klo zu machen. Da ist eine gewisse Eigenleistung dabei. Aus dem Grund entzieht es sich auch völlig meinem Verständnis, dass sich sogar Kriege aus einem verletzten Nationalstolz heraus entwickeln. Oder aber in Deutschland lebende Türken Böhmermann Morddrohungen schicken, weil er Erdogan und somit die gesamte Türkei verunglimpft habe. *Kopfschütteln*

Integrationscodex – Was muss ich denn als Flüchtling beachten?

Ich plappere. Es mag aber nun auch sein, dass sich einige der Flüchtlinge nicht integrieren wollen oder können. Das mag verschiedene Ursachen haben. Ich denke, eine der Hauptursachen sind die nicht vorhandenen infrastrukturellen Einrichtungen zur Integrationen der Verwaltung hier. Entweder sind sie völlig überlastet oder schlichtweg nicht vorhanden oder sie wissen nicht, was sie tun. Ich kann nicht eine gewisse  Masse an Flüchtlingen nehmen, auf einen Haufen in eine Stadt setzen, sie sich selbst überlassen und dann erwarten, dass sie mit einer für sie völlig neuen Kultur und Umgebung klarkommen, wenn sie gerade noch um ihr blankes Überleben gekämpft haben und völlig traumatisiert sind. Woher sollen sie wissen, wie man hier Dinge managt? Wenn ich über Wochen und Monate meine Familie beschützen musste, vor Gefahren und was weiß ich was, Essen irgendwoher besorgen musste und jetzt, ganz plötzlich, in einer zivilisatorischen Einrichtung stecke, die von mir verlangt, einen Codex einzuhalten, den ich nicht kenne und erstmal gar nicht verstehe, bin ich überfordert und werde alles tun, um irgendwie am Leben zu bleiben und irgendwie, möglichst schnell und möglichst bequem, meine Leute zusammenzuhalten und meine Existenz zu sichern. Egal wie. Egal, wem ich auf die Füße trete. Und das gilt besonders, wenn ich hier mit nem Bus ankomme, vor dem ein wütender Mob mit Fackeln darauf wartet, dass ich aussteige und ich denke, mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Irgendwie verständlich, oder?

Ich denke, dass mehr Stellen für Integrationsbeauftragte geschaffen werden müssen. Nicht irgendwann, sondern JETZT! Leute mit einem gewissen Maß an Empathie und ner Menge Ideen, die sich mit der Religion und der Kultur der Herkunftsländer auskennen. Leute, die eine Integration erreichen können. Übrigens: Integration bedeutet, dass die integrierende Gesellschaft auch aufnimmt. Da sind zwei Parteien, die miteinander arbeiten. Eine Integration bedeutet nicht, dass die Flüchtlinge ihre Kultur aufgeben und sich assimilieren! Das wäre auch sehr schade.

Versteht mich bitte nicht falsch. Es riecht nicht alles nach Rose, was wie ne Blume aussieht. Ich will auch nicht alles schön reden. Es kommen sicher auch ne Menge Menschen hierher, die unser Sozialsystem ausnutzen möchten oder hier gezielt Straftaten begehen wollen, weil sie denken, einer Strafverfolgung entgehen zu können. Shame on them! Es sollte auch alles dafür getan werden, dass das nicht passieren kann. Inklusive sofortiger Abschiebung etc. Wir haben weltweit eine der ältesten und besten Sozialgesetze, die mit Sicherheit auch dazu einladen, sie auszunutzen. Nicht nur von Flüchtlingen, auch von einer nicht allzu kleinen Anzahl Deutscher! Sicher gibt es Nachbesserungsbedarf. Aber wir können und dürfen nicht auf Kosten aller diese Gesetze ändern, weil es ein paar Idioten gibt. Denn diese Idioten gibt es immer und überall, besonders auch unter den Deutschen. Bevor die Flüchtlinge kamen wurden die Rufe  laut, dass etwas gegen „Hartz IV-Schmarotzer“ getan werden muss. Jetzt gibt es einen anderen Sündenbock, gegen den gewettert werden kann. Das Ergebnis ist das gleiche. Fakt ist, dass die Gesetze für jeden gleich sind. Und wo Gesetze sind, gibt es auch Gesetzeslücken, die ausgenutzt werden können. Wenn jemand die Gesetze ausnutzt, dann muss ihm mit Hilfe der Gesetze beigekommen werden, aber nicht auf Kosten der allgemeinen Humanität, der Wohlfahrt für alle. Was natürlich getan werden muss ist, genauer hinzusehen und die Verhältnismäßigkeit im Auge zu halten. Trotzdem bin ich der Meinung, dass es an oberster Stelle steht, dass wir Deutschen, die es sich leisten können, helfen müssen. Das sind wir, auch und gerade im Hinblick auf unsere europäische Geschichte, unseren Mitmenschen schuldig.

Eigentlich könnten Deutsche und Flüchtlinge wahnsinnig viel voneinander lernen. Es gibt in jeder Gesellschaft Arschlöcher. Die Flüchtlinge müssen auch mit dauerbesoffenen, grölenden Werder-Fans klarkommen. Das ist bestimmt nicht leicht! Aber wir müssen ihnen eine Chance geben und ein Tor öffnen. Ein Arschloch kann einen langen Integrationsprozess kaputtmachen oder dauerhaft schädigen. Auf beiden Seiten. Das darf nicht so weit kommen. Natürlich gibt es Ängste in der Bevölkerung. Auch auf beiden Seiten. Die müssen gehört werden, aber die können bestimmt auch im Dialog genommen werden. Dialog ist gut, er darf nur nicht zum Instrument werden, Stimmung zu machen. Wichtig bei der Sache ist es, den Kopf einzuschalten und ab und zu mal sich in die Emotionslage des Gegenübers zu versetzen und ein bisschen weiter zu denken als von der eigenen Raufasertapete bis zur Fachwerkwand. Empathie ist schnulliwuck. Das sollte eine Petry oder die Storch auch mal versuchen. Dann kommt vielleicht auch mal mehr als nur Galle raus.

Gibt bestimmt noch mehr Vorurteile. Oder? Hau sie raus! Ich freu mich, in den Kommentaren zu diskutieren.

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Ein Gedanke zu “Das Flüchtlings-Vorurteils-Roulette

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