Echt jetzt? DIN A Schwul?!

Wie jeden Morgen sah ich mir eben mit einer Tasse Kaffee in der Hand die News im Internet und den Social Medias an. Plötzlich springt mir bei Enough is Enough mal wieder eine Schlagzeile ins Auge, die mich interessierte. Die Organisation für die Rechte von LGBT kommt oft mit schockierenden Schlagzeilen aus aller Welt daher. Heute ging es um fundamentale Christen auf einer Demo für alle in Stuttgart. Ein Konglomerat von Themen, das mich interessiert. Ich klickte drauf. Ein Podcast mit Originalstimmen, die die Milch in meinem Kaffee sauer werden ließen. Ich sollte morgens einfach im Bett bleiben. Eigentlich wollte ich heute über ein anderes Thema schreiben, aber es zerreißt mich gerade schier.

Da postuliert in einem Interview ein offenkundig junger Mann folgende Sätze:

„Ich glaube, dass Homosexualität nicht natürlich ist. Ich glaube, dass Homosexualität eine Krankheit ist, aufgrund von familiären Fehlentwicklungen in der Kindheit und ich glaube, dass das Normale die Heterosexualität ist, was nicht bedeutet, dass ich solche Leute jetzt verdamme […]“.

Aha. Stille. Darüber müssen wir jetzt – und damit meine ich das Jahr 2016 – einen Moment lang nachdenken. Ich danke dem Herrn zunächst mal, dass ich in seinen Augen nicht der ewigen Verdammnis anheimfallen werde. Folgend sind da ein paar steile Thesen, die ich gerne in meiner bekannt liebenswürdigen Art und Weise diskutiert wissen will.

Ja, er glaubt das. Das ist auch sein gutes Recht. Wenn er das glaubt, könnte man das mal großmütig als religiöses Geblubber abtun, das nach Artikel 4 GG in seiner Haltlosigkeit trotzdem beim Rausposaunen geschützt ist. Glaube, wie auch immer der geartet ist, bedarf auch keiner empirischen Erklärung, sonst müsste man ja auch die Nummer mit der Jungfrauengeburt in einem theologischen Diskurs hinterfragen. Macht man ja nicht. Dazu gibt es ne Text-/ Literarkritik innerhalb einer Exegese.

Ich mach mir jetzt aber mal den Spaß und mach das große Fass auf. Ich stell mir mal vor, dass der Kerl seine Thesen aus dem Glaubensdiskurs exzerpiert und als Fakten postuliert. Simma ma so frech.

These 1: Homosexualität ist nicht natürlich.

(Ich stell mir gerade vor, wie so ein rotes Blinklicht angeht und ein schriller Alarmton nervend in einem Staccato grölt.)

Richtig ist: Homosexualität ist genauso natürlich wie Sexualität an sich. Oder wie Blumen und Bienen. Oder Kaffee. Cola light ist nicht natürlich. Ne Jungfrauengeburt ist nicht natürlich.

Fakt ist, dass Homosexualität bei fast allen Tieren vorkommt. Menschen sind biologisch auch nur Tiere. Wir sind technisch unserer Evolution weit voraus. Was ein Problem ist. Aber das hab ich schon an anderer Stelle besprochen. Je höher eine Lebensform entwickelt ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, Homosexualität auszuprägen. Entsprechend kommt sie bei Insekten weniger häufig vor als bei Säugetieren. Bei denen aber prinzipiell immer. Und das in absurd hohem Maß, bei dem die menschliche Gattung eigentlich noch ein Witz ist. Man muss allerdings – das gebe ich zu – unterscheiden zwischen einer Homosexualität aus wirklichem „Willen“ und aus Frustration, Dominanz oder anderen Instinkten heraus. So gibt es in letzteren Kategorien Fälle, in denen Individuen kurze Phasen der Homosexualität durchleben und danach dann wieder ein heterosexuelles Leben führen. Es ist bspw. bekannt, dass Löwen ihre Konkurrenten quasi zur Ordnung vögeln. Manche Individuen bilden auch homosexuelle Zweckgemeinschaften, wenn kein Individuum des anderen Geschlechts anwesend ist. Das sind aber kurze homosexuelle Akte, die irgendeinem bestimmten Zweck dienen. Ist bei den Menschen ja auch nicht anders, das kommt vor. Vorzugsweise im Alter zwischen 13 und 20.

Es gibt hingegen aber auch in fast jeder Art eine nicht kleine Anzahl Individuen, die eben nicht nur diese zweckgebundenen Akte durchführt, sondern lange Zeit mit dem gleichen Partner zusammenbleibt oder sich nach einer Paarung wieder einen Partner gleichen Geschlechts sucht; auch wenn genügend Auswahl potentieller Partner des anderen Geschlechts zur Verfügung stünden.

2010 gab es eine sensationelle Ausstellung in Oslo über homosexuelle Tiere, die internationalen Anklang gefunden hat. Hat sich wohl nicht so ganz in bestimmten Kreisen rumgesprochen. Zu behaupten, Homosexualität sei nicht natürlich, ist, verharmlosend gesagt, schlichtweg falsch.

Übrigens: Eine besonders lesenswerte und wissenschaftlich fundierte Abhandlung über das Thema hat Bruce Bagemihl 2009 in seinem Buch Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity veröffentlicht.

These 2: Homosexualität ist eine Krankheit aufgrund von Fehlentwicklungen in der Kindheit

Naja. Fehlentwicklungen. So so. Ich bin also fehlentwickelt. Behindert. Krieg ich jetzt auch nen Ausweis und darf überall parken? Kann’s ja mal versuchen. Wenn das stimmt, sind rubbeldiekatz 10% der Bevölkerung behindert. Könnte Probleme geben. 8 Millionen neue Behindertenausweise inkl. der entsprechend neu geschaffenen Parksituationen.

Genug Zynismus.

Fakt ist, dass 1990 die WHO Homosexualität von der Liste der Krankheiten gestrichen hat. Sie ist weder eine körperliche, noch eine geistige Krankheit und bedarf keiner Heilung. Das haben auch die Bundesärztekammer und der Bundesverband Deutscher Psychiater erst vor ein paar Jahren ERNEUT bestätigt, da es doch ein paar deutsche Ärzte gab, die sich auf sogenannte „Schwulenheilungen“ eingelassen haben.

(Hier mal der viel beachtete Bericht eines ARD-Reporters, der den Selbstversuch undercover gemacht hat und sich in die Hand eines solchen Schwulenheilers begeben hat. Sollte man gesehen haben! )

Mittlerweile ist sogar das Gen gefunden worden, auf dem die sexuelle Präferenz verankert ist. Und das liegt da genauso quasi wie n Teppich rum, wie die Haarfarbe und ob du morgens Bock auf Kaffee hast, oder dir mit 25 schon die Haare ausgehen.

Wenn man den Gedanken weiterführt, wird auch ziemlich schnell klar, was diese Schwulenheiler da eigentlich mit der Psyche anstellen. Schwulsein ist in den Genen gemarkert! Die Psyche ist völlig ok! Naja, mehr oder weniger gestört, wie bei allen anderen auch. Aber da kommen dann ein paar bekloppte Idioten an und reden einem völlig gesunden Typen irgendeinen Scheißdreck ein und verbiegen ihn. Was die da anstellen ist bestenfalls Körperverletzung. Ich hab (aus Selbstschutz) noch nicht recherchiert, ob es nach solchen „Behandlungen“ schon zu Suiziden gekommen ist.

These 3: Das Normale ist die Heterosexualität.

Ach herrje! Entschuldigt bitte, wenn ich jetzt ein wenig pathetisch und ideologisierend werde. Aber wenn jemand mit dem Wort „normal“ in diesem Kontext ankommt, haut es mich aus meinen Mainstream-Sneakern! Um mal ne Metapher aus dem Buch zu bringen: Wer von euch normal ist, werfe den ersten Stein! Wer setzt denn die Norm für was fest? Wie sieht denn die Norm aus? Normieren wir jetzt alles? Wenn wir die Sexualität normieren, denn wir haben ja schon festgestellt, dass die genetisch gemarkert ist, müssen wir auch anfangen, alles andere zu normieren. Fangen wir mal bei der Haarfarbe an. Das Arischblond ist out. Is ja blöd. Weltweit sind nämlich nur 2% der Menschen blond. Der Rest ist dunkel bis schwarz. Soll ich mit der Hautfarbe weitermachen? Sieht da nämlich ähnlich aus. Wie ist das denn mit Nasen? Was ist denn so die normale Nase? Muss die groß sein oder eher klein? (Achtung, Pathos!) Jeder Mensch ist ein Individuum. Da ist es ziemlich schwer, wenn wir mit einer Norm ankommen. Es ist auch ziemlich irrational, die Norm da anzusetzen, wo es bestimmten Gruppen einfach mal passt, irgendwas zu normieren, weil es vielleicht gerade ein Politikum ist. Wenn es irgendwelchen religiösen Gruppierungen nicht passt, dass zwei Personen gleichen Geschlechts die gleichen Rechte haben, wie zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts, weil sie das Buch, das ihrer Religion zugrunde liegt, auf diese Weise auslegen, tja, dann sollten sie sich vor Augen halten, dass wir in einem säkularen Staat leben. Das Grundgesetz spricht da nämlich eine andere Sprache. Da gibt es eigentlich auch gar keine Diskussion. (Das Fass mit der Auslegung der Bücher mach ich jetzt nicht auf.)

Also, mein lieber Hetero-normal-Christ, du solltest vielleicht nicht versuchen, auf Teufel (?) komm raus deine Mitmenschen in irgendwelche DIN-normierten Schubladen stecken zu wollen. Verwende deine Kraft auch nicht damit, auf Demos zu gehen, um dort dafür zu krakeelen, wie gar schrecklich die bösen Schwulen denn sind, dass sie die armen Kinder frühsexualisieren wollen. Verwende die Kraft doch einfach mal darauf, deine Mitmenschen kennenzulernen. Das Leben kann echt geil sein, wenn du dich nicht über Dinge aufregst, die du eh nicht ändern kannst, weil sie genetisch festgelegt sind und in jeder Tierart vorkommen. Geh doch mal auf die Menschen zu und feier mit ihnen. Spaß haben kann so gesund und befreiend sein. Viel mehr, als Zorn. Das Leben ist zu kurz für Hass. Sei schnulliwuck!

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