PR oder Humanität? Oder beides? Oder keines?

Ich staunte nicht schlecht, als ich heute gegen halb zehn aus meinem Küchenfenster sah. Ich wohne gegenüber eines Altersheims, muss ich dazu sagen. Da ist immer was los. Ernsthaft. Sind schon lustige Leutchen dabei, die bald mal einen eigenen Artikel wert sind. Aber heute bildete sich um den üblichen grauen Pulk mit Rollstühlen herum, der mächtiger war als sonst, noch zusätzlich eine diffuse rotgekleidete Horde. Ich dachte im ersten Moment an eine kollektive Organspendeaktion des DRK, sah dann aber ein Sparkassenlogo fett auf den Rücken der teilweise unbeholfen agierenden Rollstuhlführer prangen. Hmm.. Werden jetzt schon reihenweise die Leute zu einem Girokonto gezwungen? Quasi abgeholt und mit dem AOK-Shopper zum Schalter und zur Unterschrift gebracht, um den letzten Sparstrumpf aus dem Katheter zu leiern?

Facebook brachte Aufklärung. Aktionstag der Sparkasse. Heute bleiben alle Filialen geschlossen. Soso. Naja, die Schalter werden eh nur noch von den älteren Mitbürgern benutzt und die werden ja gerade vom Bankpersonal shanghait. Also fallen die geschlossenen Banken nicht auf.

Bleibt zu klären, was denn dieser Aktionstag ist. Aktionstag meint, dass alle Mitarbeiter der Spaßrkasse Bremen dazu verdonnert werden, bitte für einen (Arbeits-)Tag mild- und wohltätig zu sein. Sie mögen in Kitas „Renovierungsarbeiten durchführen“ und in Pflegeeinrichtungen Betreuer spielen. Wie jüngst hier vor der Haustür gesehen. Jetzt kommt’s: „Auch die Chefetage wird den Anzug ablegen und zum Beispiel im Bürgerpark anpacken. Ein 25-köpfiges Team wird dort 1.000 Ulmen, Eichen, Ahorne und Sträucher einpflanzen.“ Einen kleinen Moment mal nachdenken und sortieren; mir schießen gerade die Synapsen durch. Zum einen: 25 Leute in der Chefetage. Ok. Der Vorstand besteht aus vier Typen, der Aufsichtsrat aus neun, dazu ein Verwaltungsrat. Alle mit mindestens einem HiWi wären schon 28 Ponys, die da auf der Weide hopsen. Die tückische Frage, die dem gemeinen Volk jetzt durchs Hirn schießt, ist doch: Wer traut sich denn da nicht aus dem Kaschmir raus und ins Khaki des Arbeiters rein? Ich denke mal, dass der Kelch des Vorstandsvorsitzenden nicht an selbigem vorüber gehen und er der versammelten – und wahrscheinlich grinsenden – Journaille im Bürgerpark gegenüberteten wird, während er heroisch einen lümmeligen Jungahorn pressewirksam in diverse Kameras hält und dabei von der Wichtigkeit des Ehrenamtes als solcher und der Bürde seines Jobs im Speziellen schwadroniert. Ist die Frage, ob der Rest der Mohair-Blase vom Brill sich ebenso vor die Medien schmeißen muss, oder ob er sich still und heimlich, einen armen Vertreter schickend, seiner üblichen ziffernschubsenden Tätigkeit widmen kann. Wie auch immer kommt die Nummer mit der 25 nicht so ganz hin, es sei denn, man hat diverse „anderweitige Verpflichtungen“ seitens der Chefetage schon mal einkalkuliert. Ist ja auch eigentlich schnulliwuck. Fakt ist, dass 25 Jungs und Mädels frei und fromm im Bürgerpark für das Gemeinwohl ackern. Das ist es doch, das zählt. Aber warte mal.. 1.000 Bäume wollen die einpflanzen? Euer Ernst? Ich weiß ja nicht, ob ihr schon mal im Garten nen Baum eingebuddelt habt. Aber 1.000 Jungbäume bedeutet bei 25 Leuten, dass jeder 40 Bäume vor sich hat. Nehmen wir mal den abstrusen Fall an, dass die Chef-Schnuckels da tatsächlich 8 Stunden ohne Pause arbeiten würden. ( 😀 ) Dann hieße das 5 Bäume pro Stunde pflanzen. Essen und trinken muss dann aber gleichzeitig passieren. Naja, die Gießkanne hamma ja dann dabei. Aufs Klo is keine Zeit.
Ne Quote von 5 Baum/Stunde auf 8 Arbeitsstunden ist schon amtlich! Ich glaub, ich werd gleich mal in den Bürgerpark spazieren gehen und mir ansehen, wer da was wie treibt. Ich kann mir höchstens vorstellen, dass da Leute vom Gartenbauamt schon 1.000 Löcher in die Landschaft gebuddelt haben, bevor Herr Nesemann und Kumpanen angerauscht kommen. Die schmeißen die zarten Setzlinge in ihre frisch ausgehobenen Nester und flattern alsdann wieder hinfort. Also die Leute. Nicht die Setzlinge. Das wär dann ne Kiste, die in guten 1-2 Stunden abgeackert wär. Inklusive der zahlreichen Interviews mit Setzling in den behandschuhten Griffeln. Lieber den Ahorn in der Hand als das Eichenlaub auf dem Kopf..

Es ist eine sehr schöne Sache, dass etwas für das Gemeinwohl getan wird! Sowohl im Bürgerpark, als auch gerade in den Kitas, die renoviert werden. Auch, dass die Alten gegenüber für ein paar Stunden eine Betreuung bekommen, die sie aus dem tristen Alltag herausholt, find ich klasse! Versteht mich nicht falsch, ich schreibe gerade sehr zynisch. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass ich es persönlich sehr suspekt finde, mit dem Geld von anderen zu arbeiten und daran Spaß zu finden, sehe ich Geld als doch etwas sehr Intimes an, das über das Wohl und Weh einer Person entscheidet, die unter Umständen ihr Leben damit und um es ausrichtet. Ich denke, das verändert den Blick der Menschen über das Objekt, mit dem gearbeitet wird und auch über die Menschen, mit denen gearbeitet wird. Es objektiviert. Daher find ich es auch toll, dass die Flitzpiepen von Chefs da mal aus ihrem Elfenbeinturm kommen und wohl das erste Mal in ihrem Leben was tun, das nicht in die eigene oder in die Tasche der Sparkasse fließt.

Zusätzlich bleibt, so gut ich diese Aktion heiße, dieser fade Beigeschmack. Dem PR-Manager der Sparkasse gilt jubilierender Applaus! So billig kommt ihr nie wieder an ne riesen Werbung mit gigantischem Positive-branding-effect. Ist es unfair, den Werbeeffekt anzusprechen? Ich glaub nicht. Der ist kalkuliert. Wäre es nicht so, wären die Mitarbeiter zivil unterwegs gewesen und nicht in T-Shirts mit fettem Sparkassen-Logo und Schriftzug. Damit auch nur ja keinem entgeht, wer da am Werk ist. Warum der Aktionstag? Kann man nicht, wie jeder andere gut situierte Deutsche, anonym was Gutes tun? Muss das an die große Glocke gehängt werden? Offensichtlich. Denn so kann man PR rausschlagen. Und das macht mir Sodbrennen bei der Nummer. Klar, auf der Seite von Radio Bremen wird darauf hingewiesen, dass die Sparkasse Bremen jährlich vier Millionen ausgibt, „um Kindergärten, Sportvereine oder kulturelle Einrichtungen zu fördern.“ Peanuts, hat mal ein Mensch aus der gleichen Branche gesagt, wenn man sich den Geschäftsbericht 2015 ansieht. Wir reden hier von einem BilanzGEWINN (!!) von 13 Millionen Euro. Da sind die vier Millionen schon runter. In einem Jahr. Bei einer Bilanzsumme von etwa 11 Milliarden Euro. 

Ich will den armen Schalterangestellten der Sparkasse gar nichts Böses unterstellen. Die sind wahrscheinlich auch mal froh, aus ihrem Dingens da rauszukommen und 2-3 Stunden nur zu arbeiten. Dazu noch Goodwill zeigen, was für die Öffentlichkeit tun und Werbung für den Chef laufen. Aber vom Vorstand ist das Ding ziemlich daneben! Das kann man anders regeln. Auch Gratis-PR kann man anders haben. Man muss sich nicht mit Aktionen, die morgen wieder vergessen sind, ins Rampenlicht stellen. Ach nee, vergessen werden die nicht sein. Ich wette, überall, wo nachhaltig was gepflanzt oder renoviert wurde, kommt ne hübsche Plakette dran: „Gestiftet von Sparkasse Bremen. Wehe ihr errichtet bei uns kein Konto!“
Lieber Vorstand, ihr seid ne AG und müsst auf die Bilanzen achten. Schön. Gut und verständlich. Aber ihr habt auch ne Verpflichtung, denn ihr seid von Bürgern irgendwann mal gegründet worden. Und wenn ihr dann nur den tausendstel Bruchteil eines Prozents eures Gewinns für soziale Einrichtungen ausgebt, dann ist das ziemlich knauserig und wirft mehr als ein schlechtes Licht auf euch! Unterstützt auch mal die kleineren Vereine, kleinere Projekte, seid präsent, wo ihr es sonst nicht seid. Helft vor allem da, wo ihr nicht darauf hoffen könnt, dass Kapital irgendwann reinvestiert wird! Versucht beispielsweise, die Penner in der Nacht von der Straße zu holen, baut Unterkünfte, gebt ihnen ein kostenloses Konto, damit sie wieder am gesellschaftlichen Leben teilhaben können, investiert in Bildung. Verlustgeschäft für euch, ja, aber das ist wirkliches soziales Engagement! Und glaubt mir, die Leute werden nach solchen Aktionen verdammt gerne zu euch kommen. Wahrscheinlich auch viel lieber, als in einer Schalterhalle am Brill zu stehen, auf bombastischen Marmor zu sehen und unwillkürlich zu denken: „Aha, hier landet mein Geld also.“ Vertrauen gewinnt man anders.

Ach, und was wäre Schnulliwuck ohne den kleinen geschichtlichen Seitenhieb zum Schluss. Derzeit wird immer wieder von dieser witzigen bräunlichen Truppe propagiert, dass die christlichen Werte des „Abendlandes“ erhalten bleiben müssen. Da wären wir dann auch bei bigotter Scheinheiligkeit. Nicht nur von meinen kleinen, braunen Lieblingsscheißerchen, sondern auch von dem gesamten Finanzsektor. Wusstet ihr eigentlich, dass schon im Alten Testament geschrieben steht, dass innerhalb der Mitglieder des Bund Gottes keine Zinsen genommen werden dürfen? Und nein, das wurde nicht „irgendwann mit Jesus“ wie die Speisevorschriftungen und die Beschneidung aufgehoben. Das galt auch noch bis ins Mittelalter, bis man bemerkt hat, dass sich damit ja auch noch ganz gut Kohle machen lässt, wenn man seine Mitbrüder abzockt. Aber wirkliche Christen und auch Martin Luther haben sich immer gegen das Zinsverbot ausgesprochen und viele tun das immer noch. Ein weiteres Beispiel, wie gerne sich Dinge aus der Bibel einfach zu dem eigenen Zweck entfremden und verdrehen lassen, je nachdem, wonach einem gerade der Sinn steht. In Exodus, Levitikus und Deuteronomium finden sich die wichtigsten Stellen darüber. Übrigens: In zwei der Fälle stehen kurz danach Verbote wie Mord und Vergewaltigung. Ist es nicht witzig, wie man sich einfach mal das zurecht legt, was man möchte und was nicht? So funktioniert das nicht..

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2 Gedanken zu “PR oder Humanität? Oder beides? Oder keines?

  1. Der Bilanzgewinn der Sparkasse Bremen in 2015 beträgt 13 Millionen und nicht 13 Milliarden. Da haben die 4 Millionen schon ein anderes Gewicht!

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