Reaktionen auf Orlando: Am Pulse der Rand-Gesellschaft

Ich lebe in Deutschland. Einem westlichen, aufgeschlossenen und liberalen Land. MEINE Bundeskanzlerin, die stellvertretend für MEIN Land, für MEIN Volk steht, hat in ihrer knappen Ansprache zu dem unglaublich perfiden Massaker in Orlando keine Worte finden können, in denen ich mich wiederfinden könnte. Merkel spricht die Worte „Wir sind fest entschlossen, auch wenn solche mörderischen Anschläge uns in tiefe Trauer versetzen, unser offenes und tolerantes Leben fortzusetzen.“ Aha. Soll sie mal machen. Das tolerante und offene Leben, das sie führt, fortsetzen. Handraute. Und schon wieder störe ich mich da an der Semantik. Wie in einem anderen Artikel schon besprochen, habe ich, und haben wohl alle anderen LGBT, überhaupt kein Interesse daran, toleriert zu werden. Nö! Ich VERLANGE, akzeptiert zu werden, ob meine Mitmenschen meinen Lebensstil gutheißen oder nicht. Ich verlange das, weil ich genauso jeden anderen akzeptiere, auch wenn er mir tierisch auf den Sack geht. Die Omi, die an der Kasse vor mir ihre ganzen Cents raussucht, wenn ich es eilig habe, Fahrradfahrer, die meinen, die Straße gehöre ihnen, ja, sogar eine demokratisch gewählte Bundeskanzlerin, die sagt, dass ich nicht heiraten darf, weil sie ein schlechtes Bauchgefühl dabei hat. Jetzt spricht Merkel aber davon, dass nach dem Massaker von Orlando unser „tolerantes und offenes Leben fortgesetzt“ werden müsse. Als ob das jemals zur Debatte stand. Als ob der Gedanke im Raum stünde, dass jetzt jeder Schwule und jede Lesbe nicht mehr auf die Straße ginge und keinen Club mehr besuchte.

Ungutes Bauchgefühl – ein deutsches Phänomen

Das, Frau Merkel, ist die andere Seite beim Unterschied zwischen Akzeptanz und Toleranz. Der Anschlag in Orlando ist deswegen so perfide, weil er ein Anschlag auf ein Schutzzentrum der Queer-Community war. Die Besucher suchen eins besonders, wenn sie in einen solchen Club gehen: Die Flucht aus dem Alltag und die Akzeptanz für das, was sie sind. Die Flucht aus einer dauergelebten Homophobie, die derzeit auch in Deutschland (wieder) immer größer wird. Wenn dann einer dieser Schutzräume angegriffen wird, ist das ein Angriff auf das Herz der Community, der dauerhaft verunsichert. Nicht der erste und sicher nicht der letzte, aber absolut der größte und verheerendste! Aber jeder Angriff auf die Community hat eins bewirkt: Sie ist sich näher gekommen und hat noch mehr zusammengehalten. Und noch eins hat sie bewirkt, und das ist weniger schön: Sie hat sich noch mehr von der Hetero-Gesellschaft abgegrenzt. Und genau dieser Abgrenzung hätte Merkel, hätte die Politik insgesamt entgegen wirken können, indem sie eine Solidarität mit LGBT, mit der Community bekundet hätte. Denn wenn die Ausgrenzung, die LGBT jeden Tag in der Gesellschaft erleben, die täglich auch noch ansteigt, durch die Politik und die Regierung durch ein unbestimmtes „Bauchgefühl“ auch noch forciert wird, dann ist der Nährboden für immer mehr Anschläge und Hass noch gegeben. Immerhin ist die Regierung, ob wir es so wahrnehmen oder nicht, ein moralischer Zeiger und eine Vorbildrolle der Gesellschaft.
Barack Obama hat in seiner bewegenden ersten Rede versucht, genau diese Grenze aufzuweichen. Er spricht genau davon, dass der Anschlag nicht nur einem Schwulen-Club galt, sondern einem Rückzugsort, in dem LGBT ihren Meinungen Ausdruck verleihen und an dem sie sich austauschen können, ihre Freiheit leben können. Umso schlimmer ist der Angriff.

Er sieht den Anschlag als einen Angriff auf die komplette Gesellschaft, auf alle Amerikaner und inkludiert sich.

Ebenso integrierend spricht sich der Bürgermeister von L.A., Eric Garcetti, am Rande des Pride aus.

Und Merkel? Sieht das „tolerante und offene Leben“ in Gefahr. Sie wagt noch nicht mal, von Schwulen und Lesben zu sprechen. Die blendet sie aus. Sie spricht nicht davon, wem der Anschlag galt, was die Motivation war. Hat wohl Angst vor Bauchschmerzen. Selbst ihr auf ähnlichem politischen Kurs liegender Amtskollege Hollande ist da schon etwas weiter: „Das homophobe Töten von Orlando hat Amerika und die Freiheit getroffen: die Freiheit, seine sexuelle Orientierung zu leben und seine Lebensweise zu wählen“, twitterte er nach einer allgemeinen Bekundung seines Beileids für die Angehörigen und Opfer.

Während der SPD-Parteivorstand mit potentiellem Kanzlerkandidatem Gabriel nicht nur den LGBT im Allgemeinen und den Angehörigen der Opfern im Speziellen sein Beileid ausdrückte, retweetete er auch noch einen Link von Enough is Enough zum Anschlag. Sieht man sich die Timeline des Koalitionspartners an, sieht man… Nichts. Naja, doch. Ein Retweet des Generalsekretärs, der auf seinem privaten Account sein Beileid ausgesprochen hat. Der Rest des Parteivorstands und der Bundesgeschäftsstelle hat sich wohl einem kollektiven Bauchschmerzanfall der Chefin angeschlossen. Schade für das offene und tolerante Deutschland.

cdu

Ich möchte eigentlich keine Wahlwerbung machen. Aber ein bisschen Anti-Werbung darf es ja sein. Unter einer Kanzlerin, die 2016 noch einen solchen reaktionären Kurs fährt, muss Deutschland sich nicht wundern, dass Teile der Gesellschaft aus derselben ausgeschlossen werden.

Das Massaker in Orlando zeigt, dass es derzeit eine zunehmende Gewaltbereitschaft gibt. Gerade gegen Gruppen, die vermeintlich anders sind. Aber als wer denn eigentlich? Jeder ist doch anders und nicht gleich. Wenn aber bestimmte Gruppen angegriffen werden, muss eine Gesellschaft zusammenhalten und diese Gruppe noch mehr in Schutz nehmen, statt sie auszugrenzen. Jeder ist Mensch.

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