Wahlkampf, wo bist du?

Es wird langsam mal Zeit, die Wahlkampfmaschine anzukurbeln. Eigentlich sollte ja immer Wahlkampf sein, finde ich. Ein Politiker möchte zwar (wieder-)gewählt werden und legt in den Moment der Wahl seine Hauptmotivation, das heißt aber nicht, dass er nicht für die Menschen, die ihn wählen, in den Momenten, in denen sie nicht Kreuze machen, nicht da sein sollte. Der Wählerauftrag sollte immer im Hinterkopf und Teil einer ständigen Selbstreflexion sein.
Soweit zur Illusion.

Was läuft 2017? In gut einem Jahr wird Deutschland vollgekleistert sein von mehr oder weniger gut konstruierten Wahlplakaten. Kaum ein Baum oder Laternenpfahl, von dem uns nicht laut mit irgendwelchen verheißungsvollen Versprechungen herab schreit. Ich bin schon gespannt, welchem Utopia wir entgegensehen dürfen, welche Versprechen in der nächsten Legislatur gebrochen werden.

Warum aber hört man noch nichts von der Wahl? Wenn man so in den sozialen Netzwerken vorbeischaut, sind die „Merkel-muss-weg!“-Rufe nur allzu laut. Und auch sonst wird überall auf die Regierung geschimpft. Sieht man sich hingegen die aktuelle Sonntagsfrage an, weiß man, warum seitens der Politik noch kein Wort über 2017 verloren wird: Man ist (noch) auf der sicheren Seite. Es wird sich nichts ändern, liebe Leute! 🙂 Woran liegt das? Da sind verschiedene Faktoren im Spiel. Zunächst mal ist der Deutsche an sich ein ziemlich handlahmes Tier. Es bevorzugt das ruhige Habitat, in dem sich wenig ändert. Geruhsam muss sein Zuhause sein, möglichst mit einer dicken Matratze gefüllt mit Geldscheinen. Darauf lässt es sich wohlig schlafen, morgens in aller Herrgottfrühe aufstehen, um noch mehr davon besorgen zu gehen. Da darf aber bloß keiner ran. Wehe, es nähert sich jemand dem sorgsam jeden Samstagmorgen um 8 Uhr gestutzten Rasen! Dann wird Freund Schwarzrotgold zur heugabelschwingenden und plakathochhaltenden Bestie, die sich mit seinesgleichen jeden Montag zusammenfindet, um Angreifer seines Rasens zu vertreiben. Der Deutsche ist seit gefühlten Jahrhunderten in einer gewissen Alltagskatatonie gefangen, aus der er selber nicht ausbrechen möchte. Es ist ja alles so friedfertig da. War ja immer alles schön. Kriminalität? Nein, gab es nie! Erst seit den scheiß Ausländern. Die bringen Unruhe und kosten viel zu viel aus der Matratze. (Wir sehen jetzt mal davon ab, dass die jährliche kriminelle Steuerhinterziehung (von Deutschen!) den Staat 50 bis 60 Milliarden Euro kostet! Wie vielen Rentnern man davon Butterbrote kaufen könnte!!!eins11!!) Aber der Deutsche ist eben bequem. Es darf sich nichts ändern. Wenn der Deutsche argumentiert, dass es ja schon seit Jahrhunderten in der deutschen Kultur irgendwie so ist, meint er eigentlich seit seiner Kindheit. An mehr kann er sich ja nicht erinnern. Würde er in ein Buch, genauer ein Geschichtsbuch, gucken, würde er feststellen, dass es durchaus vorher anders war. Aber das hab ich schon an anderer Stelle erörtert.

„Ach, ist doch egal, wen ich wähle, bleibt doch eh alles gleich und egal wen, die sind gekauft und alle scheiße. Also bleib ich zuhause und mach gar nichts.“

Wenn Otto-Normal-Deutscher jetzt denkt, dass nächsten Sonntag Wahlen wären und er die Möglichkeit hätte, Deutschland zu verändern, gäbe es da noch einen nicht zu vernachlässigenden Teil der Bevölkerung, der denkt: „Ach, ist doch egal, wen ich wähle, bleibt doch eh alles gleich und egal wen, die sind gekauft und alle scheiße. Also bleib ich zuhause und mach gar nichts.“ Sprachlos. Vielleicht steh ich mit meiner Meinung alleine da. Ich bin der Meinung, dass man diese Einstellung haben kann. Aber dann darf man auch keine anderen Vergütungen der demokratischen Gesellschaft entgegen nehmen. Es ist deine fucking Pflicht, einmal alle vier Jahre irgendein Kreuz zu setzen, verdammt! Du musst nichts anderes tun, in diesem Land. Einmal deine Meinung sagen und jemanden wählen. Und dann darfst du auch schimpfen. Wenn nicht, hast du deine Schnauze zu halten und alles hinzunehmen und zu schlucken, was man dir vorsetzt. Deal?
Protestnichtwähler.. Pff.. So ne oxymoröse Scheiße!
Dann die geilen Typen, die ins Wahllokal gehen und ihren Stimmzettel durchstreichen. Als ob das irgendjemanden interessiert! Ich war mal Wahlhelfer in der Auszählung. Das macht die Arbeit von den armen Socken da nur noch schwieriger. Es interessiert aber keine Sau. Meinst du, da läuft dann einer mit deinem durchgestrichenen Stimmzettel, wo drauf steht „Alles Lug und Trug“ zum Wahlleiter oder zur Regierung und sagt: „Ohje! Guck mal hier! Ein Wähler, der total unzufrieden ist. Wir müssen das ganze stoppen und unseren Weg überdenken!“ Schwachsinn.. Es interessiert keinen, es wird nur drüber gelacht und sich gefragt, wieso jemand extra ins Wahllokal geht, die Zeit dafür aufwendet und seinen Wahlzettel ungültig macht, wenn er mit seiner Stimme auch was bewegen könnte. Du bist genauso ein Depp, wenn du das machst, wie einer, der gar nicht erst hingeht. Ihr alle habt eins nicht begriffen. Eine Stimme zählt vielleicht nichts. Aber wenn Millionen sich sagen, dass die Stimme nichts zählt, verändert das das Ergebnis immens!

Es wird bei der nächsten Wahl sehr viele geben, die sich sagen „Nutzt ja alles nichts“ und weg bleiben. Das ist ein riesiger Fehler! Denn die, die wirklich die Schnauze voll haben von der Regierung, gehen hin und wählen wohlmöglich den rechten braunen Sumpf. Und dann wiederholt sich die Geschichte. Darauf wird keiner von uns Bock haben. Das ist kein Gutmenschgeunke, das ist Fakt! Wenn man sich die Sonntagsfrage ansieht, hat die AfD gut 8% zugelegt. Die ganzen Bürgerparteien und die NPD werden ebenso Plus verzeichnen. Wenigstens positiv zu verzeichnen ist, dass die Abwanderung von der Regierungskoalition nicht nur zum rechten, sondern auch zum linken Rand vonstattengeht. Die Linken haben unwesentlich zugelegt, die Grünen dafür um 5%.
Die Koaltion von CDU/CSU und SPD wird wohl auch 2017 so bestehen bleiben, steht aber nicht mehr so solide. Gerade bei 55%. Im Vergleich: 2013 waren es über 67%. D.h.: Auch diese Koalition kommt ins Wanken! Aber was passiert dann?

Was wähl ich denn nu?

Ich denke, dass es schon längst keine personelle Wahl mehr gibt. Der Kanzlerkandidat steht gar nicht mehr so sehr im Vordergrund. Wie auch? Wir haben schon lange keine charismatische Persönlichkeit mehr gehabt, die man wegen der Person an sich hätte wählen können. Mal ehrlich: Wer würde denn Merkel wegen ihrer sagenhaften Ausstrahlung wählen?? Wann hatte die CDU mal einen charismatischen Kanzler stellen wollen, wie es Schmidt oder Schröder waren?

Ein kurzer Wahlvergleich. Allein wegen der derzeitigen Aussagen zur Gleichstellung von Rechten Homosexueller ist die CDU/CSU unwählbar. Sie disqualifiziert sich damit und stellt sich an einen sehr rechten Rand. Sie ist fast einzigartig in Europa. Für ein Land, das eine Vorreiterrolle in Europa für sich beansprucht, ist das untragbar. Das Parteiprogramm der SPD ist sozial und annehmbar, wobei die Flüchtlingspolitik überdacht werden muss. Aber Gabriel als Kanzlerkandidat? Sorry. Das geht nicht. Die müssen da jemand anderen finden. Als mitgliederstärkste Partei in Deutschland sollte das ja machbar sein, jemanden aus dem Hut zu zaubern. Den Dicken sollten sie zum Selbstschutz wirklich nicht aufstellen. Seine arroganten Reden sind nicht dienlich, sein Auftreten erinnert eher an Kohl. Wir brauchen junge Dynamik, keinen fässernen Reaktionärismus.

Die Grünen sind genau wie die Linken in der Opposition gut aufgehoben, weil sie lautstark im Bundestag mit Meinungen aufwarten, die so extrem sind, dass sie in einer Koalition eher schaden würden. Es gibt Personen in beiden Parteien, die das Zeug und das maßvolle Mittel hätten, in einer Regierung mitzumischen. Sieht man sich aber die Zeit der rot-grünen Koalition an, hat man auch gesehen, dass die Schreihälse bei den Grünen schnell verstummten und ernsthafte Politik betrieben wurde. Die Regierung konnte aber nicht fortgesetzt werden, weil eins klar war: Es scheiterte am unbeweglischen Deutschen. Er musste etwas tun. Er konnte nicht mehr einfach nur da sitzen und die Hände rautenförmig in den Schoß legen. Es kam zu Reformen, die weh taten. Reformen tun immer weh, wenn sie etwas bringen sollen. Merkel hat die geringen Arbeitslosenzahlen geerntet, die Schröder auf den Weg gebracht hat.
Vielleicht ist es gerade wieder an der Zeit, dem Deutschen weh zu tun, ihn aus dem Schlaf aufzuwecken und in eine politische Katharsis hineinzubringen. Allein es fehlt an einer Leitfigur.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s