Wenn sich schon Journalisten auskotzen..

Heute Morgen las ich einen Beitrag im Focus online von Klaus Kelle, einem Kolumnisten, der wohl häufiger für den Focus schreibt. Er war mir bis dahin unbekannt. Er schrieb über den Anschlag in Nizza, der mich persönlich ziemlich mitgenommen hat, da ich mit der Stadt sehr verbunden bin. In seinem Artikel ging es aber weniger um den eigentlichen Anschlag, als um Terrorakte im Allgemeinen. Und wie man damit umgehen sollte. Seiner Meinung nach. Denn Klaus Kelle ist es leid, dass immer nur über „mutmaßliche Attentäter“ gesprochen wird, ihm ist es offenbar egal, ob ein rechtsstaatlicher Schuldspruch erfolgt oder nicht. Die Arbeit der investigativen Behörden stellt er hinten an. Er geht noch weiter. In einer für einen Journalisten sehr drastischen Fäkalsprache – und ich muss betonen, er schreibt für den Focus, nicht für Tante Emmas Wald- und Wiesenblättchen – stellt er klar, dass in den Zentren der europäischen Union bekannte Terroristen lebten. Diese würden rund um die Uhr überwacht. Er fragt danach, warum eigentlich und fordert, dass die Gesellschaft den Mut aufbringen müsse, diejenigen, die Verbrechen planten auszuweisen. „Raus! Raus! Raus!“, schreit er.

„Ich höre schon die ersten Beschwichtiger, die jetzt sagen werden: Ja, die müssten raus, aaaaaber…. ihre Heimatländer nehmen sie ja nicht zurück. Und in ihren Heimatländern sind die Menschenrechte nicht gewahrt. Wissen Sie was? Es ist mir scheißegal. Schafft sie meinetwegen an den Nordpol. Ich bin es leid, immer wieder diese Bilder zu sehen, Blut auf dem Straßenpflaster, zerfetzte Körper, zugedeckt mit dunkelblauen Tüchern, ein totes Kind mit einer Puppe neben sich.“

Sein Artikel endet mit dem Satz: „… ich glaube, ich muss kotzen!“.

Ja, ich gebe zu, ich bin einer dieser Beschwichtiger, die er da heraufbeschwört. Ja, ich gebe auch zu, dass er mit einigen Dingen den Finger auf eineWunde legt, die zunehmend aufklafft und entfernt davon ist, wundärztlich versorgt zu werden. Wie passt das aber zusammen? Ich bin auf seiner Seite und doch wieder nicht? Das passt ganz gut zusammen. Das Leben, die Gesellschaft, die Welt, sie alle bestehen nicht nur aus schwarz und weiß, nicht aus ja und nein, nicht aus 0 und 1. Alles ist ein Grau, ein Jaein, ein Halb. Natürlich brodelt es in Deutschland, in der EU. Natürlich ist jeder entsetzt über Terrorakte, jeder verunsichert über Flüchtlingsströme über dräuende Zukunftsvisionen. Es ist sicher auch ein Leichtes, sich zurückzulehnen und sich auf bestehende Gesetze zu verlassen. Es wird sich schon regeln. Nein, wird es nicht. Viele Gesetze müssen den neuen Lagen angepasst werden, die Politik muss Initiativen ergreifen. Das ist hier aber nicht das Thema.

Ab an den Nordpol!

Es ist vielmehr ein Unding, dass ein Journalist in einer der meistgelesenen Zeitschriften Deutschlands eine Hexenjagd veranstaltet! Da fordert Klaus Kelle auf, mutmaßliche, ja, es sind mutmaßliche Terroristen, an den Nordpol abzuschieben. Warum sind sie mutmaßliche Terroristen? Na, weil sie nachrichtendienstlich überwacht werden, weil sie im Visier stehen, weil sie auffällig geworden sind, weil sie aber noch keine Straftat begangen haben. Eine Strafftat wäre es, wenn ihnen nachzuweisen wäre, dass sie einen Anschlag gezielt planen. Und man hört immer wieder von Zugriffen, wenn es dann so weit ist. Vorher funktioniert das aber nicht in einem Rechtsstaat. Wir sind nicht die DDR oder sonst einer Bananenrepublik. Ein Staat, der das Fundament einer Gesellschaft bilden will, muss sich an die Gesetze halten, die es nun mal derzeit gibt. Von mir aus auch, bis sie geändert sind, aber es gibt sie halt gerade. Und an die muss sich gehalten werden. Jeder Verteidiger würde seinen Mandanten sofort aus der U-Haft bekommen, wäre da etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen. Das wäre nicht im Interesse der Öffentlichkeit.

Dann die Sache mit der Abschiebung. Bleiben wir mal im Kleinen bei der deutschen Szene. „Terroristen“, genauer Anhänger für den IS werden im Allgemeinen aus der Salafi-Szene angeheuert. Diese werden unter Jugendlichen (ca. 15-28 Jahren) rekrutiert. Das sind meistens Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind und nicht genau wissen, an welchem Punkt sie stehen. Sie suchen nach Schutz und Bestätigung. Es sind vielfältige Gründe, warum sie sich der Salafi-Szene anschließen. Eines haben aber die meisten gemeinsam: Es sind Deutsche! Entweder Deutsche mit Migrationshintergrund oder ohne. Die Zahl der Deutschen, die in einem regulären katholischen oder evangelischen Elternhaus, mehr oder weniger behütet aufgewachsen sind und dann doch muslimisch konvertieren, steigt. Prominentestes Beispiel dürfte Pierre Vogel sein. Ein bisschen Werbung in eigener Sache: An meiner Alma Mater läuft derzeit eine größere Studie der Exzellenz-Initiative genau zu dieser Thematik. Ich bin gespannt, was das Ergebnis sein wird.
Die Gretchenfrage, um wieder zu Klaus Kelle zu kommen, dürfte ja sein: Wie, zum Fuchs, soll man denn einen Deutschen aus Deutschland ausweisen?? Da müsste wohl selbst ein Richter gackern, Herr Kelle. Und auch im Bundesrat dürfte sich schwer eine Mehrheit für den Gesetzesentwurf finden. Der Nordpol ist meines Erachtens keine ernstzunehmende Alternative, nicht nur weil der Nikolaus auf Dauer ziemlich genervt sein würde. Aber vielleicht sollte Herr Kelle mal übers Auswandern nachdenken, wenn es ihm in einer sich ändernden Gesellschaft nicht mehr gefällt. Btw: Kultur ist eine sich dauernd ändernde Masse.

Genug des Schalks, es sind noch mehr Fragen zu klären. Vorrangig drängt sich einem ja eine gewisse Parallele bei Herrn Kelles Geschrei auf zu jenem Gebölke, das man aus hinlänglich bekanntem Geschreibsel rechtspopulistischer Feder gewohnt ist. Aber honi soit qui mal y pense.. Ein Kolumnist des Focus‘ würde doch nie den Pfad der Mitte verlassen und sich rechtswärts bewegen. Oder vielleicht doch? Der Schreibstil mit dem bedeutungsschwangeren Pathos, recht blind auf dem linken Auge, das wutbürgerliche Aufschreien nach neuer Gesetzgebung und dem Entsetzen über die Unbeweglichkeit einer rautenförmigen Handhaltung der Kanzlerin. Irgendwie bekannt. Ein Blick in die Kommentare unter dem Artikel. Ziemlich eindeutig. Er scheint seinen Fanclub mitgebracht zu haben. All diejenigen, die ihm widersprechen, haben negative Bewertungen, diejenigen, die gutheißen, was er vom Balkon brüllt, geben ihm ein Thumbs-up. Man könnte nun natürlich mutmaßen, dass die Leserschaft des Focus‘ an sich schon ein wenig am rechten Rand der Mitte zu suchen sei, aber das lassen wir nun mal einfach dahin gestellt sein. Da könnte man ja direkt über die BILD diskutieren. Sehen wir uns den Blog von Herrn Kelle genauer an. Unter dem auch im Focus erschienenen Artikel über Nizza findet sich ein Artikel über Mainstream und Dummheit. Liest sich gut. Hanni Hüsch wird mit Karla Kolumna verglichen. Ich musste kichern. Nicht nur alliterativ gibt es da Ähnlichkeiten.
Herr Kelle versucht hier, nicht gerade eloquent, einer Studie von Satoshi Kanazawa zu widersprechen, der herausgefunden hat, dass es eine negative Korrelation zwischen IQ und Religiosität bzw. Konservatismus gibt. Natürlich widerspricht Kelle. Denn, wie aus seinem Blog hervorgeht, ist er durch und durch konservativ. Und nach Kanazawas Studie dann mit einem niedrigeren IQ ausgestattet, als liberale Menschen. Ausnahmen mögen die Regel bestätigen, ich möchte Herrn Kelle nichts unterstellen. Aber offensichtlich fühlt er sich angegriffen, denn er verunglimpft sowohl diese als auch andere Studien wie auch die diese herausgebenden Medien. Z.B. die sueddeutsche. Das ist aber auch gar nicht Thema, ich will auch nicht näher darauf eingehen, man kann sich selber ein Bild machen.

Noch ein wenig weiter darunter ist ein Gastbeitrag eines Dr. Albert Wunsch. Seines Zeichens Pädagoge, Buchautor und Träger des Bundesverdienstkreuzes. In seinen Büchern plädiert er u.a. dafür, dass Kinder nicht nach dem Wertesystem einer Gesellschaft geprägt, sondern sie der nach der „Charaktererziehung“ geformt werden sollen. Das bedeutet, die Werte der Gesellschaft spielen bei der Erziehung nur eine sekundäre Rolle. Vielmehr müsse an Charakterstärken wie Tugend, Selbstvertrauen, Ehrlichkeit und Anstand gearbeitet werden. Wunsch ist katholischer Theologe und wettert in dem Artikel über die Aufklärungskampagne der BZgA. Ich habe schon an anderer Stelle darüber geschrieben. Es geht also gar nicht, dass Kinder auf Plakaten Comiczeichnungen von Menschen sehen, die so stilisiert beim Akt gezeichnet sind, dass Erwachsene auch nur wegen der abgespeicherten Ähnlichkeit des Bildes darauf kommen, was da zu sehen ist. (Bitte lies meinen Artikel darüber. Unterer Absatz.)
Googlet man nun diesen Dr. Wunsch, wird man relativ bald darauf aufmerksam, dass der Herr, wer hätte es gedacht, nicht nur erzkonservativ ist, was ja nicht schlimm ist, sondern auch einem Milieu nahesteht, das nicht mehr nur mit einem Augenzwinkern zu betrachten ist. So hat er im Rahmen einer Fachtagung der „Freie Welt“ ein Interview gegeben, das man dort noch nachlesen kann. Die „Freie Welt“ ist eine Internetzeitung, die der AfD zuzuordnen ist. Herausgeber ist Sven von Storch, Ehemann von Beatrix von Storch. Die Blogger der „Zeitung“ lesen sich wie das Who is who der AfD.
Herrn Wunschs Beitrag wird von Kelles Leserschaft regelrecht bejubelt.

Das also ist der Gastbeitrag auf Herrn Kelles Blog. Wie dieser sich dann selber positioniert, dürfte jedem klar sein. Wie der Focus sich damit positioniert, entscheidet der Focus wohl somit selber. Und der Leser wiederum für sich selbst.

Ich bin jedenfalls stolz darauf, dass meine kleine Kolumne hier nicht braun oder grün ist. Und nicht rot oder schwarz. Oder weiß. Nicht 0 und 1, nicht ja oder nein. Sie ist immer irgendwas dazwischen. Wie alles im Leben. Weil man relativieren muss und sich auch alle Argumente und alle Standpunkte anhören muss, bevor man urteilt. Und wenn Journalisten in ihrem Job anfangen zu kotzen, dann haben sie etwas falsch gemacht. Ihr Job ist es, neutral zu berichten. Fakten darzustellen, aufzudecken. Da können sie meinetwegen nach ihrem Artikel über das kotzen, was sie herausgefunden haben. So wie ich es gleich machen werde, über die unsaubere Arbeit eines Klaus Kelle. Oder über den Focus, der so etwas veröffentlicht und damit die Meinungsbildung von vielen Menschen beeinflusst, was eigentlich schon an den Tatbestand der Volksverhetzung heranreicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s