Der Witz im Witz

Aufreger des Tages:

Es wäre wirklich witzig, wäre es nicht schon so dramatisch. Ich muss an dieser Stelle ein riesen Lob an die #HoGeSatzbau aussprechen. Die befassen sich jeden Tag aufs Neue damit, den mehr oder minder begabten Wutbürgern die deutsche Sprache näherzubringen. Mehr minder als mehr mehr. Trotz Studiums der Germanistik, trotz Lehrbefähigung hätte ich nach gewisser Zeit resigniert. Auch mir fällt es zunehmend schwerer, die grammatikalischen Entgleisungen, neologistischen Auskotzungen und morphologischen Tastaturgeballerer zu ignorieren oder zumindest kopfschüttelnd zu ertragen, die sich mir tagtäglichen auf Facebook offenbaren; zunehmend und vor allem in einschlägigen Gruppen und/oder Threads, die sich mit Flüchtlingen und Themen der Migration beschäftigen. Es stellt sich mir nicht zum ersten Mal die Frage: Sollten nicht jene Menschen, die sich um den Erhalt einer deutschen Kultur, wie auch immer man die definieren mag, bemühen, sich zunächst um die rudimentären Errungenschaften einer solchen zu kümmern? Weiterlesen

Schöne neue Dating-Welt

Ich bin noch gar nicht so alt. Aber ich bin zu einer Zeit aufgewachsen und hatte vor allem meine ersten Dates, in der es Dinge wie Planetromeo, Grindr, etc. noch nicht gab. Ja, es war sogar ziemlich anstrengend, ein Date zu finden. Online verabreden war nicht. Ich hatte das Glück, in einer Großstadt aufzuwachsen, was das Ganze etwas einfacher gestaltete. Man ging in ne einschlägige Bar – und ja, auch als 16-Jähriger kam man rein. Sogar sehr gerne – sah über die Menge, pickte sich jemanden raus, den man ganz knorke fand, ein bisschen Augenkontakt, um abzuchecken, ob der andere auch wollte und einer von beiden hat dann irgendwann nach ein bisschen dümmlichem Rumgegrinse die Eier in der Hose gehabt, als erster den ersten Schritt zu machen und anzusprechen. So weit, so easy. Man konnte das natürlich auch außerhalb von Gayclubs machen, musste dann aber ein bisschen vorsichtiger bei den Augenkontakten sein. Aber auch da wusste man ziemlich schnell, ob die Sache fruchten wird, oder eben nicht. Außerdem ist ein Schwuler ab natale mit dem Gaydar ausgestattet, dem unverzichtbaren Schwulenradar, der einem hilfreich dabei zur Seite steht, wenn es gilt, hetero von homo zu unterscheiden. So weit, so überschaubar; so habe auch ich, wie Generationen vor mir, meine ersten Erfahrungen gemacht. Ich denke auch, so sehr unterscheidet sich die Kiste nicht von dem Hetero-Äquivalent.

Äußere Werte sind auch geil, aber bestimmt nicht in 0,5 Sekunden erfassbar

Seit Web 2.0 gibt es aber die schöne neue Dating-Welt, die – allen voran bspw. mit Tinder, uns gelehrt hat, potentielle Partner binnen eines Sekundenbruchteils zu beurteilen und zu akzeptieren oder zu verwerfen. Da müssen wir, entgegen jeder Web-Gewohnheit, mal einen Moment innehalten und uns das verinnerlichen. Ich fange jetzt nicht an, das große Fass mit der schnelllebigen Gesellschaft und wegwerfen und bla bla aufzumachen. Aber in Apps wie Tinder entscheiden wir mit einem Fingerwischen in einem Zeitraum, der kürzer ist als ein Augenzwinkern, ob wir mit jemandem Kontakt haben wollen oder nicht. Anhand eines winzigen Ausschnittes einer Person, die mit Sicherheit aus mehr besteht. Natürlich zählt der erste Eindruck, die Optik. Natürlich „muss es visuell passen“. Aber ernsthaft Jungs, ein Foto für eine halbe Sekunde und ihr lasst vielleicht die Chance vergehen, dass ihr einen spitzen Typen kennenlernt? Zu der Attraktivität einer Person zählt mehr, als dieser stille Moment eines Fotos. Ich spreche jetzt noch nicht einmal von „inneren Werten“. Auf das hohe Ross begebe ich mich noch nicht einmal. Viel zu zugig da oben. Aber da zählen Ausdrücke und Mimiken des Gesichts, Bewegungen, Reaktionen des Körpers, wie Lächeln in manchen Situationen, Aufblitzen der Augen auf Worte. Das alles ist nicht in ein paar Fotos und erst recht nicht auf einem Foto und besonders nicht auf nur einem Foto, das nur ein Sixpack zeigt, einzufangen. Ein höheres Maß an Oberflächlichkeit ist glaube ich nicht mehr zu toppen. Ich will nicht dazu aufrufen, Bewerbungsvideos online zu stellen, wobei das bestimmt witzig wäre, ich will aber dazu aufrufen, die immer stärker werdende Oberflächlichkeit zu minimieren. Ein hehres Anliegen und ziemlich sisyphös, ich weiß, aber man kann es ja mal versuchen.

Flirten – spielen – knistern

Eine weitere Schwachstelle, der gigantisch praktischen Apps, die so den Markt überschwemmen, ist die Unpersönlichkeit und die Unfähigkeit der Jungs, zu flirten. Wie ich im ersten Teil schon beschrieben hab, ging das „früher“ flockig von der Hand. Und vor allem: Es hat immens Spaß gemacht! Dieses Knistern, den Blickkontakt zu suchen und der kleine Moment, den der andere dich zu lange ansieht, und an dem du weißt, dass er auch interessiert ist, der das Adrenalin in deine Blutgefäße pumpt. Ein Lächeln zu sehen, das dich anmacht und das bisschen Spielen mit den Blicken. Das Hin und Her. Wer macht den ersten Schritt? Es ist Fun! Bzw. war es. Zwei Erlebnisse in letzter Zeit haben mich zu der Einsicht kommen lassen, dass die Zeiten wohl vorbei sind. Zum einen ein Gespräch in einer jener Apps. Da sagte mir dieser Chatpartner, dass er dieses Flirtspielchen total langweilig fände. Wenn er jemanden möge, dann sage er ihm das schon. Hmm.. Dachte ich so. Ist ja unromantisch. Wie sieht das dann aus, fragte ich ihn. „Hey, ich mag dich, lass uns was trinken.“, antwortete er. Ok. Kann man auch machen. Pragmatisch. Durchaus zielführend. Ich habe gefragt, wie das denn sei, ob er keine Angst vor einer Zurückweisung habe. Ich musste nämlich zugeben, dass ich, wenn ich das auf die Tour machen würde, schon ziemlich einen im Tee haben müsste. Ich würde sonst lieber vorher abchecken, ob nicht wenigstens ein bisschen Interesse da ist. Wer holt sich schon gern eine Abfuhr? Die Antwort war: Ihn weise keiner zurück. Aha. Profilcheck. Hab ich was übersehen? Sooo geil sah er ja jetzt nicht aus. Zugegeben: Toller Body, von dem er gerne genug zeigte, während das Gesicht immer ein bisschen verdeckt war, hübsch in Pose gesetzt, tolle Filter, immer den richtigen Ausschnitt des Bilds gewählt, das eine frontale „Facepic“ war so naja. Ich fragte, wie oft er damit denn schon Erfolg hatte. Er: Noch gar nicht, er war noch nie in nem Gay-Club. Aber er wisse das schon.
Peng.
Lasse ich einfach mal so stehen. Das Selbstbewusstsein hätte ich gern! Aber in ner App, in der es bei solchen Fotos dann am Tag zig Fußtapsen hagelt und die Mailbox wohl an Komplimenten voll ist, steigt das Selbstbewusstsein und –vertrauen wohl immens.

CSD-Party und der starre Blick

Die nächste Begebenheit war am letzten Samstag. Ich besuchte den Pride in Hamburg. Witzig. Ich war mit einer sehr großen Gruppe da, die Party am Abend war sehr interessant. Und das meine ich so. Ich fand es wirklich interessant, wie so viele Jungs auf einem Haufen so sehr mit sich selbst beschäftigt sein konnten. Da wurde dauernd zu einem Spiegel gerannt, um das Frisürchen zu überprüfen, sogar gegenseitig haben sie sich die Klamotten gerichtet, damit sie möglichst perfekt aussehen. Bei so vielen war von Natürlichkeit keine Spur mehr. Es sah ein bisschen so aus, als wollten sie über sich live einen Instagram-Filter legen. Fehlten noch Hundeschnauzenmasken. Ich hätte sie gerne verteilt. Währenddessen ich so schmunzelte, ist mir noch etwas aufgefallen: Jeder Zweite starrte auf sein Handy. Sobald er genug gestarrt hatte, lief er mit sturem Blick zu einem nicht näher bekannten Ziel. So wuselte auf dieser Party alles durch die Gegend. Sture Blicke, wohin man auch sah. Ich grübelte. Normalerweise sah man abseites der Tanzfläche Grüppchen oder Einzelpersonen stehen, die sich neben den Gesprächen umsahen und andere Jungs „abcheckten“. Da null. Ich grübelte weiter. Was war hier anders? Die Antwort sollte bald folgen. Nach einiger Zeit auf der Tanzfläche trennte ich mich alleine von meiner Gruppe und ging nach draußen, um eine zu rauchen. Ja, ich gebe zu, ich wollte auch mal sehen, was so rumlief, um vielleicht jemanden kennenzulernen. Man ist ja auch nur Mann. Da steh ich so und rauche, als ich einen in mein Beuteraster passenden Kerl sah, nicht weit von mir entfernt. Ich versuchte, Blickkontakt herzustellen. Irgendwann sah er mich an, checkte mich kurz von oben bis unten ab und sah wieder weg. Naja, dachte ich, man kann ja nicht jedem gefallen. C’est la vie, und rauchte weiter. Kurze Zeit später vibrierte mein Handy. Planetromeo. Eben jener Typ da hat mir ne „Scharf-Tapse“ gegeben. Mir fiel fast die Kippe aus der Schnauze. Völlig perplex starrte ich auf das Display und verglich nochmal das Foto im Profil mit dem beschämt wegsehenden Kerl nicht weit von mir. Jup, war er. Das wurde mir jetzt zu bunt. Ich warf die Fluppe weg und ging rüber.

„Hi, wieso gibst du mir denn ne Tapse? Ich steh 2m neben dir! Da kannste auch kurz rüber kommen, das ist einfacher.“

Grenzenlose Panik in den Augen. Ich glaub, er dachte, ich prügel ihn jetzt.

„Jaaaa, ich weiß aber ja nicht, ob du mich auch cool findest.“

„Alter! Dann guck doch mal rüber! Ich seh dich die ganze Zeit an. Hättest du mir einmal in die Augen gesehen, hättest du ziemlich schnell geschnallt, dass ich auf dich stehe.“

„Ja, so was kann man ja nie wissen..“

Es kann wohl unerwähnt bleiben, dass für mich der Attraktivitätsofen danach aus war. Nordpol quasi. Nix Ofenrohr.

 

Was bleibt sind die Fragen nach der Zukunft. Wohin werden die Online-Dating-Apps führen. Zu noch mehr Oberflächlichkeit, zu noch mehr Selbstgefälligkeit, noch mehr Selbstvertrauen in ein Aussehen, das von Photoshop und Instagram geprägt ist? Nein, kein Fass mit inneren Werten an der Stelle. Jeder achtet zuerst aufs Aussehen. Es muss halt optisch erstmal passen, isso. Aber die Optik wird durch viele Faktoren bestimmt. Im wirklichen Leben gibt es keine Fotofilter. Es ist wichtig, eben den Faktoren, wie Bewegung und Mimik auch eine Chance zu geben. Macht man das nicht, werden die Beziehungen auch oberflächlich verlaufen. Und: Ja, jetzt guck ich mal kurz in das Fass rein – dann ist es als nächste Instanz wichtig, den Menschen hinter der Optik kennenzulernen. Aber darüber will ich jetzt gar nicht weiter reden. Ich möchte es nur erwähnt wissen, bevor es heißt, ich sei nur auf das Visuelle fixiert. Meistens ist es nämlich so, dass sich das Aussehen eines Menschen mit seinem Charakter relativiert. Zum einen oder zum anderen Pol.

Nachtrag:

Eben flog ich so über den Bildblog und hab mir die Kategorie „Für Sie geklickt“ durchgelesen. Sehr praktisch. Bildblog klickt für einen diese nutzlosen Klickfänger à la „Diese 3 super Tricks lassen deinen Penis für alle Ewigkeiten stehen“ oder „Du wirst nicht glauben, was dieser Mann mit dem Hund gemacht hat, nachdem er ihn gerettet hat!“ an. Solche und ähnliche Überschriften sieht man überall auf Facebook und man möchte unbedingt draufklicken, weil man ja doch neugierig ist. Wenn man es gemacht hat, wird die Antwort eher enttäuschen. Die Seiten sollen eigentlich nur eins machen: Klickzahlen bringen, damit sich die Seiten besser finanzieren lassen und Geld bringen. Es gibt ganze Seiten, die nach dem Prinzip arbeiten. Nun ja, Bildblog schafft Abhilfe, die machen das für einen, so kann man die (zumeist) ernüchternde Antwort schnell rezipiert lesen und der Inhaber hat die Klickzahlen nicht, die ich eh moralisch bedenklich finde. Whatever.. Heute klickte sich Bildblog durch die Bravo. Ich musste grinsen. Och joa.. Die Bravo hab ich lang nicht mehr gelesen. Bestimmt schon *räusper* Egal.. Ich las also eben so das Exzerpt und war gleichermaßen schockiert. Eigentlich finde ich es witzig, dass das ein Resumée dessen ist, was ich mit meinem Vortrag oben homomäßig gegeben habe, nur eben heteromäßig fortgeführt. Die Datingapps und das Web 2.0 haben offenbar eineige Synapsen der Kids zum Geradeausdenken versperrt. Oder aber: Und da suche ich eher die Schuld bei den Eltern – eben die Hirne jener. Viele Dinge eines kollektiven, kulturellen Gedächtnisses scheinen nicht mal weitergegeben worden zu sein. Wie z.B. das Denken und das Abstrahieren. Da ist wohl ein eigener Artikel gefragt. So viel sei gesagt: Bildblog Nr. 2: Offenbar ist der Begriff des Eskimokusses (politisch korrekte Bezeichnungen seien außen vor) nicht bekannt. Tragisch.

Besonders geil: Die Anzeichen, wenn ein Typ es wirklich ernst mit einem Mädchen meint:
1. Er schreibt ihr.
2. Er stellt sie vor.
3. Er sieht sie an.
4. Er ist aufmerksam.
5. Er kann die Finger nicht von ihr lassen.

Nein, dann ist er einfach geil, liebe Mädels. Das macht er auch bei den ganzen anderen, mit denen er zeitgleich schreibt. Besonders, wenn er gerade 16 ist. Wart mal ab, bis ihr gerade gevögelt habt, dann sieht die Sache anders aus.
Alter Verwalter.. Man liest da Sachen.. Ich wünsche mir ja ein gewisses Maß an Naivität zurück, aber das geht ein bisschen weit.. Ich will nicht gerade von Verdummung sprechen, aber das Denken wird quasi aus der eigenen Hand weggenommen.

http://www.bildblog.de/80453/fuer-sie-geklickt-4/