Schöne neue Dating-Welt

Ich bin noch gar nicht so alt. Aber ich bin zu einer Zeit aufgewachsen und hatte vor allem meine ersten Dates, in der es Dinge wie Planetromeo, Grindr, etc. noch nicht gab. Ja, es war sogar ziemlich anstrengend, ein Date zu finden. Online verabreden war nicht. Ich hatte das Glück, in einer Großstadt aufzuwachsen, was das Ganze etwas einfacher gestaltete. Man ging in ne einschlägige Bar – und ja, auch als 16-Jähriger kam man rein. Sogar sehr gerne – sah über die Menge, pickte sich jemanden raus, den man ganz knorke fand, ein bisschen Augenkontakt, um abzuchecken, ob der andere auch wollte und einer von beiden hat dann irgendwann nach ein bisschen dümmlichem Rumgegrinse die Eier in der Hose gehabt, als erster den ersten Schritt zu machen und anzusprechen. So weit, so easy. Man konnte das natürlich auch außerhalb von Gayclubs machen, musste dann aber ein bisschen vorsichtiger bei den Augenkontakten sein. Aber auch da wusste man ziemlich schnell, ob die Sache fruchten wird, oder eben nicht. Außerdem ist ein Schwuler ab natale mit dem Gaydar ausgestattet, dem unverzichtbaren Schwulenradar, der einem hilfreich dabei zur Seite steht, wenn es gilt, hetero von homo zu unterscheiden. So weit, so überschaubar; so habe auch ich, wie Generationen vor mir, meine ersten Erfahrungen gemacht. Ich denke auch, so sehr unterscheidet sich die Kiste nicht von dem Hetero-Äquivalent.

Äußere Werte sind auch geil, aber bestimmt nicht in 0,5 Sekunden erfassbar

Seit Web 2.0 gibt es aber die schöne neue Dating-Welt, die – allen voran bspw. mit Tinder, uns gelehrt hat, potentielle Partner binnen eines Sekundenbruchteils zu beurteilen und zu akzeptieren oder zu verwerfen. Da müssen wir, entgegen jeder Web-Gewohnheit, mal einen Moment innehalten und uns das verinnerlichen. Ich fange jetzt nicht an, das große Fass mit der schnelllebigen Gesellschaft und wegwerfen und bla bla aufzumachen. Aber in Apps wie Tinder entscheiden wir mit einem Fingerwischen in einem Zeitraum, der kürzer ist als ein Augenzwinkern, ob wir mit jemandem Kontakt haben wollen oder nicht. Anhand eines winzigen Ausschnittes einer Person, die mit Sicherheit aus mehr besteht. Natürlich zählt der erste Eindruck, die Optik. Natürlich „muss es visuell passen“. Aber ernsthaft Jungs, ein Foto für eine halbe Sekunde und ihr lasst vielleicht die Chance vergehen, dass ihr einen spitzen Typen kennenlernt? Zu der Attraktivität einer Person zählt mehr, als dieser stille Moment eines Fotos. Ich spreche jetzt noch nicht einmal von „inneren Werten“. Auf das hohe Ross begebe ich mich noch nicht einmal. Viel zu zugig da oben. Aber da zählen Ausdrücke und Mimiken des Gesichts, Bewegungen, Reaktionen des Körpers, wie Lächeln in manchen Situationen, Aufblitzen der Augen auf Worte. Das alles ist nicht in ein paar Fotos und erst recht nicht auf einem Foto und besonders nicht auf nur einem Foto, das nur ein Sixpack zeigt, einzufangen. Ein höheres Maß an Oberflächlichkeit ist glaube ich nicht mehr zu toppen. Ich will nicht dazu aufrufen, Bewerbungsvideos online zu stellen, wobei das bestimmt witzig wäre, ich will aber dazu aufrufen, die immer stärker werdende Oberflächlichkeit zu minimieren. Ein hehres Anliegen und ziemlich sisyphös, ich weiß, aber man kann es ja mal versuchen.

Flirten – spielen – knistern

Eine weitere Schwachstelle, der gigantisch praktischen Apps, die so den Markt überschwemmen, ist die Unpersönlichkeit und die Unfähigkeit der Jungs, zu flirten. Wie ich im ersten Teil schon beschrieben hab, ging das „früher“ flockig von der Hand. Und vor allem: Es hat immens Spaß gemacht! Dieses Knistern, den Blickkontakt zu suchen und der kleine Moment, den der andere dich zu lange ansieht, und an dem du weißt, dass er auch interessiert ist, der das Adrenalin in deine Blutgefäße pumpt. Ein Lächeln zu sehen, das dich anmacht und das bisschen Spielen mit den Blicken. Das Hin und Her. Wer macht den ersten Schritt? Es ist Fun! Bzw. war es. Zwei Erlebnisse in letzter Zeit haben mich zu der Einsicht kommen lassen, dass die Zeiten wohl vorbei sind. Zum einen ein Gespräch in einer jener Apps. Da sagte mir dieser Chatpartner, dass er dieses Flirtspielchen total langweilig fände. Wenn er jemanden möge, dann sage er ihm das schon. Hmm.. Dachte ich so. Ist ja unromantisch. Wie sieht das dann aus, fragte ich ihn. „Hey, ich mag dich, lass uns was trinken.“, antwortete er. Ok. Kann man auch machen. Pragmatisch. Durchaus zielführend. Ich habe gefragt, wie das denn sei, ob er keine Angst vor einer Zurückweisung habe. Ich musste nämlich zugeben, dass ich, wenn ich das auf die Tour machen würde, schon ziemlich einen im Tee haben müsste. Ich würde sonst lieber vorher abchecken, ob nicht wenigstens ein bisschen Interesse da ist. Wer holt sich schon gern eine Abfuhr? Die Antwort war: Ihn weise keiner zurück. Aha. Profilcheck. Hab ich was übersehen? Sooo geil sah er ja jetzt nicht aus. Zugegeben: Toller Body, von dem er gerne genug zeigte, während das Gesicht immer ein bisschen verdeckt war, hübsch in Pose gesetzt, tolle Filter, immer den richtigen Ausschnitt des Bilds gewählt, das eine frontale „Facepic“ war so naja. Ich fragte, wie oft er damit denn schon Erfolg hatte. Er: Noch gar nicht, er war noch nie in nem Gay-Club. Aber er wisse das schon.
Peng.
Lasse ich einfach mal so stehen. Das Selbstbewusstsein hätte ich gern! Aber in ner App, in der es bei solchen Fotos dann am Tag zig Fußtapsen hagelt und die Mailbox wohl an Komplimenten voll ist, steigt das Selbstbewusstsein und –vertrauen wohl immens.

CSD-Party und der starre Blick

Die nächste Begebenheit war am letzten Samstag. Ich besuchte den Pride in Hamburg. Witzig. Ich war mit einer sehr großen Gruppe da, die Party am Abend war sehr interessant. Und das meine ich so. Ich fand es wirklich interessant, wie so viele Jungs auf einem Haufen so sehr mit sich selbst beschäftigt sein konnten. Da wurde dauernd zu einem Spiegel gerannt, um das Frisürchen zu überprüfen, sogar gegenseitig haben sie sich die Klamotten gerichtet, damit sie möglichst perfekt aussehen. Bei so vielen war von Natürlichkeit keine Spur mehr. Es sah ein bisschen so aus, als wollten sie über sich live einen Instagram-Filter legen. Fehlten noch Hundeschnauzenmasken. Ich hätte sie gerne verteilt. Währenddessen ich so schmunzelte, ist mir noch etwas aufgefallen: Jeder Zweite starrte auf sein Handy. Sobald er genug gestarrt hatte, lief er mit sturem Blick zu einem nicht näher bekannten Ziel. So wuselte auf dieser Party alles durch die Gegend. Sture Blicke, wohin man auch sah. Ich grübelte. Normalerweise sah man abseites der Tanzfläche Grüppchen oder Einzelpersonen stehen, die sich neben den Gesprächen umsahen und andere Jungs „abcheckten“. Da null. Ich grübelte weiter. Was war hier anders? Die Antwort sollte bald folgen. Nach einiger Zeit auf der Tanzfläche trennte ich mich alleine von meiner Gruppe und ging nach draußen, um eine zu rauchen. Ja, ich gebe zu, ich wollte auch mal sehen, was so rumlief, um vielleicht jemanden kennenzulernen. Man ist ja auch nur Mann. Da steh ich so und rauche, als ich einen in mein Beuteraster passenden Kerl sah, nicht weit von mir entfernt. Ich versuchte, Blickkontakt herzustellen. Irgendwann sah er mich an, checkte mich kurz von oben bis unten ab und sah wieder weg. Naja, dachte ich, man kann ja nicht jedem gefallen. C’est la vie, und rauchte weiter. Kurze Zeit später vibrierte mein Handy. Planetromeo. Eben jener Typ da hat mir ne „Scharf-Tapse“ gegeben. Mir fiel fast die Kippe aus der Schnauze. Völlig perplex starrte ich auf das Display und verglich nochmal das Foto im Profil mit dem beschämt wegsehenden Kerl nicht weit von mir. Jup, war er. Das wurde mir jetzt zu bunt. Ich warf die Fluppe weg und ging rüber.

„Hi, wieso gibst du mir denn ne Tapse? Ich steh 2m neben dir! Da kannste auch kurz rüber kommen, das ist einfacher.“

Grenzenlose Panik in den Augen. Ich glaub, er dachte, ich prügel ihn jetzt.

„Jaaaa, ich weiß aber ja nicht, ob du mich auch cool findest.“

„Alter! Dann guck doch mal rüber! Ich seh dich die ganze Zeit an. Hättest du mir einmal in die Augen gesehen, hättest du ziemlich schnell geschnallt, dass ich auf dich stehe.“

„Ja, so was kann man ja nie wissen..“

Es kann wohl unerwähnt bleiben, dass für mich der Attraktivitätsofen danach aus war. Nordpol quasi. Nix Ofenrohr.

 

Was bleibt sind die Fragen nach der Zukunft. Wohin werden die Online-Dating-Apps führen. Zu noch mehr Oberflächlichkeit, zu noch mehr Selbstgefälligkeit, noch mehr Selbstvertrauen in ein Aussehen, das von Photoshop und Instagram geprägt ist? Nein, kein Fass mit inneren Werten an der Stelle. Jeder achtet zuerst aufs Aussehen. Es muss halt optisch erstmal passen, isso. Aber die Optik wird durch viele Faktoren bestimmt. Im wirklichen Leben gibt es keine Fotofilter. Es ist wichtig, eben den Faktoren, wie Bewegung und Mimik auch eine Chance zu geben. Macht man das nicht, werden die Beziehungen auch oberflächlich verlaufen. Und: Ja, jetzt guck ich mal kurz in das Fass rein – dann ist es als nächste Instanz wichtig, den Menschen hinter der Optik kennenzulernen. Aber darüber will ich jetzt gar nicht weiter reden. Ich möchte es nur erwähnt wissen, bevor es heißt, ich sei nur auf das Visuelle fixiert. Meistens ist es nämlich so, dass sich das Aussehen eines Menschen mit seinem Charakter relativiert. Zum einen oder zum anderen Pol.

Nachtrag:

Eben flog ich so über den Bildblog und hab mir die Kategorie „Für Sie geklickt“ durchgelesen. Sehr praktisch. Bildblog klickt für einen diese nutzlosen Klickfänger à la „Diese 3 super Tricks lassen deinen Penis für alle Ewigkeiten stehen“ oder „Du wirst nicht glauben, was dieser Mann mit dem Hund gemacht hat, nachdem er ihn gerettet hat!“ an. Solche und ähnliche Überschriften sieht man überall auf Facebook und man möchte unbedingt draufklicken, weil man ja doch neugierig ist. Wenn man es gemacht hat, wird die Antwort eher enttäuschen. Die Seiten sollen eigentlich nur eins machen: Klickzahlen bringen, damit sich die Seiten besser finanzieren lassen und Geld bringen. Es gibt ganze Seiten, die nach dem Prinzip arbeiten. Nun ja, Bildblog schafft Abhilfe, die machen das für einen, so kann man die (zumeist) ernüchternde Antwort schnell rezipiert lesen und der Inhaber hat die Klickzahlen nicht, die ich eh moralisch bedenklich finde. Whatever.. Heute klickte sich Bildblog durch die Bravo. Ich musste grinsen. Och joa.. Die Bravo hab ich lang nicht mehr gelesen. Bestimmt schon *räusper* Egal.. Ich las also eben so das Exzerpt und war gleichermaßen schockiert. Eigentlich finde ich es witzig, dass das ein Resumée dessen ist, was ich mit meinem Vortrag oben homomäßig gegeben habe, nur eben heteromäßig fortgeführt. Die Datingapps und das Web 2.0 haben offenbar eineige Synapsen der Kids zum Geradeausdenken versperrt. Oder aber: Und da suche ich eher die Schuld bei den Eltern – eben die Hirne jener. Viele Dinge eines kollektiven, kulturellen Gedächtnisses scheinen nicht mal weitergegeben worden zu sein. Wie z.B. das Denken und das Abstrahieren. Da ist wohl ein eigener Artikel gefragt. So viel sei gesagt: Bildblog Nr. 2: Offenbar ist der Begriff des Eskimokusses (politisch korrekte Bezeichnungen seien außen vor) nicht bekannt. Tragisch.

Besonders geil: Die Anzeichen, wenn ein Typ es wirklich ernst mit einem Mädchen meint:
1. Er schreibt ihr.
2. Er stellt sie vor.
3. Er sieht sie an.
4. Er ist aufmerksam.
5. Er kann die Finger nicht von ihr lassen.

Nein, dann ist er einfach geil, liebe Mädels. Das macht er auch bei den ganzen anderen, mit denen er zeitgleich schreibt. Besonders, wenn er gerade 16 ist. Wart mal ab, bis ihr gerade gevögelt habt, dann sieht die Sache anders aus.
Alter Verwalter.. Man liest da Sachen.. Ich wünsche mir ja ein gewisses Maß an Naivität zurück, aber das geht ein bisschen weit.. Ich will nicht gerade von Verdummung sprechen, aber das Denken wird quasi aus der eigenen Hand weggenommen.

http://www.bildblog.de/80453/fuer-sie-geklickt-4/

 

Advertisements

Reaktionen auf Orlando: Am Pulse der Rand-Gesellschaft

Ich lebe in Deutschland. Einem westlichen, aufgeschlossenen und liberalen Land. MEINE Bundeskanzlerin, die stellvertretend für MEIN Land, für MEIN Volk steht, hat in ihrer knappen Ansprache zu dem unglaublich perfiden Massaker in Orlando keine Worte finden können, in denen ich mich wiederfinden könnte. Merkel spricht die Worte „Wir sind fest entschlossen, auch wenn solche mörderischen Anschläge uns in tiefe Trauer versetzen, unser offenes und tolerantes Leben fortzusetzen.“ Aha. Soll sie mal machen. Das tolerante und offene Leben, das sie führt, fortsetzen. Handraute. Und schon wieder störe ich mich da an der Semantik. Wie in einem anderen Artikel schon besprochen, habe ich, und haben wohl alle anderen LGBT, überhaupt kein Interesse daran, toleriert zu werden. Nö! Ich VERLANGE, akzeptiert zu werden, ob meine Mitmenschen meinen Lebensstil gutheißen oder nicht. Ich verlange das, weil ich genauso jeden anderen akzeptiere, auch wenn er mir tierisch auf den Sack geht. Die Omi, die an der Kasse vor mir ihre ganzen Cents raussucht, wenn ich es eilig habe, Fahrradfahrer, die meinen, die Straße gehöre ihnen, ja, sogar eine demokratisch gewählte Bundeskanzlerin, die sagt, dass ich nicht heiraten darf, weil sie ein schlechtes Bauchgefühl dabei hat. Jetzt spricht Merkel aber davon, dass nach dem Massaker von Orlando unser „tolerantes und offenes Leben fortgesetzt“ werden müsse. Als ob das jemals zur Debatte stand. Als ob der Gedanke im Raum stünde, dass jetzt jeder Schwule und jede Lesbe nicht mehr auf die Straße ginge und keinen Club mehr besuchte.

Weiterlesen

Aufreger-Quicky des Tages: Grünversiffte Genderpolitik!

Da twitterte am Mittwochmorgen die baden-württembergische Landesregierung, dass der erste Koalitionsvertrag auf Länderebene zwischen den Grünen und der CDU stünde und ein „demokratisches Reifezeugnis“ sei. Weiter war von „guten Demokrat*innen“ in der Meldung die Rede. So weit so gut. Letzteres war aber Grund genug für Steffen Bilger, sich darüber aufzuregen, denn er twitterte, dass die Landesregierung diese „grüne Schreibweise“ doch zu unterlassen habe. Aha. Wer isn Steffen Bilger überhaupt? Ein Blick zu Wikipedia sagt: Niemand. Bundestagsabgeordneter, der Gelder frisst, von dem aber niemand je was gehört hat. Irgendjemand scheint ihn aber gewählt zu haben.

Weiterlesen

Echt jetzt? DIN A Schwul?!

Wie jeden Morgen sah ich mir eben mit einer Tasse Kaffee in der Hand die News im Internet und den Social Medias an. Plötzlich springt mir bei Enough is Enough mal wieder eine Schlagzeile ins Auge, die mich interessierte. Die Organisation für die Rechte von LGBT kommt oft mit schockierenden Schlagzeilen aus aller Welt daher. Heute ging es um fundamentale Christen auf einer Demo für alle in Stuttgart. Ein Konglomerat von Themen, das mich interessiert. Ich klickte drauf. Ein Podcast mit Originalstimmen, die die Milch in meinem Kaffee sauer werden ließen. Ich sollte morgens einfach im Bett bleiben. Eigentlich wollte ich heute über ein anderes Thema schreiben, aber es zerreißt mich gerade schier.

Weiterlesen

Zeit ist Geld. Auch beim Dating. Kommunikation wird überbewertet.

Der Titel würde jetzt die Durchführung eines Speed-Datings zwangsläufig zu einer wahren Goldgrube machen. Vielleicht ist es das auch. Aber darauf ziele ich gar nicht ab. Es geht eher um die Kürze, die in Datingportalen vorherrscht. Hat Mann echt so viel Druck, dass es so schnell gehen muss? Ok, versteht mich nicht falsch! Ich wäre der Letzte, der sich jetzt gleich Philipp Scheidemann vom Balkon raushängt und statt einer Republik die Einführung der einzigen wahren Liebe auf #planetromeo fordert. Aber reflektieren wir doch mal für einen Moment, was wir da alle machen. Wir suchen einen oder mehrere Partner, für was auch immer. Ich lehne mich mal aus dem Fenster – ahoi Scheidemann – und sage, dass es in den meisten Fällen um Sex geht. Auch wenn man eine Beziehung sucht, geht es im Endeffekt um Sex, also um einen Partner für Intimitäten.

Wenn ich mich also jetzt auf die Jagd begebe, mich ins digitale Unterholz pirsche, die Witterung einer adäquaten Beute aufnehme und ihr – ich verlasse mal die Metapher – schon leicht sabbernd eine Nachricht mit einem, wie es mir scheint, gekonnt freundlichen Gruß zukommen lasse, warte ich vor dem Handy/PC/Tablet/whatever darauf, dass die Beute dem Luder aufgesessen ist. (Nie war eine Jagd-Metapher passender!) Langsam ist mein Speichelfluss schwer zu stoppen, meine Hände werden schwitzig, die Zeit verrinnt, keine Antwort. Da kann doch was nicht stimmen. Ich sehe nach, ob die Nachricht vielleicht nicht gesendet wurde. Und siehe da: Doch, sie wurde sogar gelesen, er war auch auf meinem Profil, doch es wurde nicht geantwortet. ‚Was ist der Grund?‘, frage ich mich. War die Nachricht nicht ansprechend genug? Ich war höflich, hab einen guten Tag gewünscht, ein Kompliment gemacht, Fragen gestellt, auf die man hätte antworten können. Seh ich vielleicht doch so scheiße aus? Selbstzweifel.

Soweit die Bestandsaufnahme, die wahrscheinlich jeder kennt. Kommen wir zur Analyse. Aus biologischer Sicht ist das Datingverhalten ein völlig natürlicher Prozess: Das möglichst weiträumige Verteilen des Erbgutes. Und da wir Männer sind, müssen wir das mit einer möglichst hohen Anzahl an genomen Variabilitäten praktizieren. Anders als bei Frauen, die eher darauf bedacht sind, wenn sie denn mal ein passendes Genom gefunden haben, eine möglichst hohe Quantität an Reproduktionen mit diesem genetischen Material hinzukriegen. Sprich: Männer poppen durch die Gegend, Frauen kriegen von ihrem einen Mann nicht den Hals voll. (Subtext ist nicht beabsichtigt, Ausnahmen bestätigen die Regel.) Entsprechend will man(n) dann wohl auch beim Dating keine Zeit verlieren und wählt schnell den adäquaten Partner aus, um das Erbgut möglichst zielgerichtet zu verteilen. Soweit die Biologie, soweit normal, soweit unterscheiden sich übrigens Heteros auch nicht von Homos. Männer sind alle gleich.

Der Kulturwissenschaftler in mir spricht da aber auch noch eine andere Sprache. Wäre die Menschheit/Gesellschaft zivilisatorisch auf dem gleichen Stand der Evolution, wäre alles kein Problem. Ist sie aber nicht. Wir sind unserer Zeit weit voraus. Wir sind eine Horde Neanderthaler mit Smartphones, die sich anmaßt, zivilisert zu sein. Die Menschheit hat technisch und zivilisatorisch gerade in den letzten 150 Jahren enorme Sprünge nach vorne gemacht. Evolutisch sind wir aber noch lange nicht so weit. Wir können unsere Triebe nur mäßig den Gegebenheiten anpassen und müssen uns immer wieder beherrschen und auf den Boden zurückholen.
Wir halten immer wieder gerne lobpreisend, gleich einer hehren, dauerlodernden Fackel die Errungenschaften der Zivilisation vor uns her. Wie etwa die Menschenrechte, Freiheit, das Recht auf Pimpern mit wem man will. Aber ganz fix holt uns die Biologie ein, sobald es ums Vögeln geht. In dem Moment, in dem der Neurocortex nur noch rudimentär blutversorgt ist, werden zivilisatorische Reize ausgeblendet.

Denn, um wieder zum eigentlichen Thema zu kommen, was unterscheidet eine Dating-Plattform denn eigentlich vom „echten Leben“? Nichts. Es geht um Kommunikation, um Vernetzung von Menschen. Sei es für eine lange Zeit, einen Quicky oder für ein paar Stunden. Und wenn wir von einer Kommunikation sprechen, sollte es auch um eine solche gehen. Wenn ich angesprochen werde, antworte ich. Und sei es nur, um zu sagen, dass ich kein Interesse habe. Eine Zivilisation kann in ihrer Qualität daran gemessen werden, wie die Menschen miteinander interagieren. Es gibt mit Sicherheit ein paar Leute in den Datingplattformen, die bekommen mehr Zuschriften als andere. Ich hab auch schon mal den Satz gelesen „Wenn ich jedem antworten würde, hätte ich gar keine Freizeit mehr.“ Come on 😀 So geil kannst du nicht sein! Selbst wenn man jedem nur schreibt: „Sorry, kein Interesse“ oder sogar die vorformulierten und gespeicherten Texte anklickt, bleibt für die wichtigen Chats noch genügend Zeit und der Höflichkeit ist Genüge getan. Denn „Keine Antwort = kein Interesse“ bedeutet nichts anderes als „Ich hab einfach keine Erziehung gehabt.“ Wenn ich auf der Straße meines Weges gehe und angesprochen werde, weil jemand was wissen will, dann seh ich den ja auch nicht entsetzt an und gehe dann panisch weiter.Natürlich steht das Nichtantworten hier stellvertretend für eine Reihe von Phänomenen, die so nur in Chats auftreten, nie aber tatsächlich Face-to-Face in Erscheinung treten würden.

Im Internet kann ich mich hinter einer dichten Wand von blauer Anonymität verstecken. Da kann ich mich auch benehmen wie die vielzitierte Axt im Wald. Kennt mich ja eh keiner. So what? Am besten, ich hab auch kein Bild im Profil, dann kann ich noch hübsch Leute beleidigen. Auf Typen, die nicht 100% meinem Beuteschema entsprechen, muss ich auch nicht reagieren. Überhaupt: Ich kann mir doch einfach 100% das raussuchen, was ich will, oder? Den perfekten Kerl. Der, bei dem alles passt. Der 100% genauso aussieht, wie ich das will, der genau den Dödel hat, den ich will, genau das Maß an Körperbehaarung, die Ohren genau in dem Winkel abstehen, auf den ich stehe und die Finger keinen Millimeter länger sind, als ich das will. Auf alle anderen Messages antworte ich gar nicht erst. Ich schreib aber auch keinen an. Mich wird mein Mr. Perfect schon finden. Dass ich kein Foto im Profil hab, wird schon kein Problem sein. Kommt ja auf die inneren Werte an. Bis dahin lamentiere ich aber noch rum, dass echt mal wieder nur Idioten und Spinner im Chat unterwegs sind.
……..
Merkste selber, ne?

Ok ok.. Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Der bin ich auch nicht. Es kommt auch vor, dass ich nicht antworte. Dazu ne Anekdote: Mein Profil bei Planetromeo ist eigentlich ziemlich offen gestrickt. Keine Altersbeschränkung, kein „Ich suche..“. In meinem Text – wenn man ihn denn liest – kann man ersehen, dass ich mich über Nachrichten immer freue. Jüngst kam eine Message eines 64-jährigen. Was an sich für mich kein Problem ist. In seinem Profil war aber kein Foto, was für mich einen Chat aber schon ausschließt. Normalerweise frage ich dann nach, ob er mir eins in einer privaten Nachricht schickt, einige möchten ja ungeoutet bleiben. Allerdings beinhaltete die Nachricht nur ein „Bock??????“, gefolgt von einer nicht geringen Auswahl von Fotos seines nicht gerade ansehnlichen Genitals in sehr verschiedenen und, man kann euphemistisch eventuell sagen, kunstvoll angerichteten Posen während und nach dem vollzogenen Akt. Nachdem ich die Schockstarre überwunden hatte, die für mich ein wenig wie das Gefühl bei der unfreiwilligen Betrachtung eines schrecklichen Unfalls war, überwunden hatte, konnte ich nicht anders, als die Nachricht schnell zu schließen und haderte mit mir, ob ich ihn verbal falten oder mir einfach nur einen Whisky holen sollte. Ich entschied mich für letzteres. Eigentlich war das ein bisschen so was wie eine visuelle Vergewaltigung. Nichts in meinem Profil weist darauf hin, dass ich so was wünsche! Warum tun Leute so was? Bitte, tut das nicht! Wenn Menschen mit euch Sex haben wollen, werden sie es euch sagen. Wenn ihr mit jemandem Sex haben wollt, sagt es ihnen, aber fallt nicht direkt mit dem Bett ins Haus!

Wir sollten wirklich dazu übergehen und das Internet als Medium sehen, Kommunikation zu betreiben, die wir normalerweise Face-to-Face machen würden. Nicht mehr und nicht weniger. Es ist ein Mittel zum Zweck. Das heißt aber auch, dass die Regeln, die uns – hoffentlich – unsere Eltern für eine herkömmliche Art der Unterhaltung mit auf den Weg gegeben haben, auch für das Internet gelten. Seid doch einfach freundlich zueinander. Niemand will mit Selbstzweifeln leben oder sich darüber Gedanken machen müssen, ob mit ihm alles stimmt. Behandelt den anderen so wie ihr selber auch behandelt werden wollt. Oder, um es mit Kant auszudrücken: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Ist schwul cool?

Immer wieder stolpere ich in letzter Zeit in „der Community“ gehäuft über Artikel, die sich mit dem Thema beschäftigen, ob es denn nun gut sei, „heterolike“ zu sein oder nicht. Innerhalb des Diskurses stören mich einige Dinge auf sehr vielfältigen Ebenen. Eine wirkliche Position kann und will ich nicht beziehen. Fangen wir aber mal bei dem Begriff „heterolike“ an.

Weiterlesen