Was die Welt im Innersten zusammenhält

“…was die Welt im Innersten zusammenhält”, wollte schon Dr. Faust ergründen und hatte deswegen “nun ach, Philosophie, Justerei und Medizin und leider auch Theologie” studiert mit heißem Bemühen, weitergekommen in seiner Erkenntnis ist er aber nicht, weswegen er sich – wie hinlänglich bekannt – anderen Wegen zuwandte. Die Frage danach, warum er es nicht geschafft hat, den Geheimnissen des Universums auf die Schliche zu kommen, die Schöpfung zu demaskieren und triumphierend auszurufen: ‘Ich habe dich erkannt!’, ist wohl schnell zu beantworten. Zum einen, weil Dr. Faust fiktional ist, zum anderen liegt es in der Zeitgeschichte. Ein sehr wichtiger weiterer Punkt ist aber der alleinige Kampf, den der Herr Doktor austrägt, wie der Don Quijote. Der hatte aber zumindest seinen Sancho Panza, wohingegen Faust in einem aussichtslosen Alleingang versuchte, allen Mysterien auf den Grund zu gehen.

Versuchen wir den Goethe’schen Don in unsere Zeit zu übertragen. Denn unser Wissenschaftsalltag arbeitet eigentlich nach dem gleichen Prinzip, als sei der Faust völlig unbekannt. (Ich lasse an dieser Stelle mal alle möglichen Anspielungen und denkbaren Analogien auf den Teufelspakt im universitären Alltag und der Forschung beiseite.)

Es ergibt sich aber, wirft man einen Blick ins Vorlesungsverzeichnis der Hochschulen oder in die Publikationsverzeichnisse der Fakultäten und Bibliotheken, das Bild einer Forschungslandschaft, das aufgrund seiner hochqualifizierten Fachlichkeit immer dezidierter und feiner im Thema wird. Es finden sich dann bspw. solche Orchideenfächer wie “Internationale angewandte Kulturwissenschaften und Kultursemiotik”, bei denen ich – und ich habe u.a. eine Kulturwissenschaft studiert – wirklich ins Grübeln gerate, wo das Betätigungsfeld nach dem Studium liegen könnte, wenngleich es mit Sicherheit sehr spannend und faszinierend ist. Mir fällt da aber, wie bei einigen anderen Studiengängen – dieser hier sei nur exemplarisch und wahllos herausgepickt – nur die reine Forschung innerhalb des Feldes ein. Das hieße, das Fach legitimiert sich aus sich selbst heraus. Nun kann man sich darüber streiten, ob das sinnvoll ist. Ich bin prinzipiell der Meinung, dass Forschung, die Wissen-schaf(f)t, der Menschheit Progression bringt und somit positiv zu beurteilen ist. Denn wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen. Sicher gibt es Forschungen, bei denen man sich fragt, ob es wirklich nötig ist, öffentliche Gelder dafür auszugeben, zum x-ten Mal ein bestimmtes Thema von einer anderen Seite zu behandeln oder noch intensiver mit einem vermeintlich unwichtigen Thema umzugehen, aber ich denke, der Grad ist sehr schmal, besonders bei letztem Punkt. Wenn schon genügend Forschungen zum Thema “Blaue Autos von oben und von der Seite und von unten und von hinten und von diagonal” vorhanden sind, muss ich nicht noch eine weitere mit dem Thema “Blaue Autos von oben bei Nacht” publizieren. Auch wenn mich vielleicht wahnsinnig der Nacht-Aspekt fasziniert und noch keine andere Forschung genau den herausgearbeitet hat.

Mir macht bei eben erwähnten Studiengängen eher der Abschluss, respektive der Werdegang der Absolventen Gedanken. Ist es nötig, einen orchideenhaften Studiengang wie Alt-Assyristik zu akkreditieren, wenn man genau weiß, dass die Absolventen in einem sehr überschaubaren Kreis in der Forschung arbeiten können? Kann man nicht von Studierenden die Eigenverantwortung erwarten, nach oder während ihres Masterstudiengangs, wenn sie es denn wünschen, eine solche Spezifizierung ihres Faches selbst vorzunehmen? Das hat früher doch auch prima hingehauen und es hat Koryphäen in Deutschlands Forschungslandschaft hervorgebracht, die international ihresgleichen suchen. Ich denke, das können wir trotz Bologna auch stemmen. Es müssen nicht auf – Achtung! – Mephisto komm raus auf die Spitze getriebene Studiengänge kreiert werden, nur um Studi-Zahlen voll und damit Gelder in die Institute zu kriegen. Vielleicht ist das ja des Pudels Kern. Dann aber bitte nicht auf dem Rücken der Studierenden. Der sauber’n Herrn Pfuscherei ist wohl schon hier Maxime.

Oft genug habe ich es in meiner Studentenzeit erlebt, dass während des Masters dann nämlich die Ernüchterung und die Frage kam, was denn passiert, wenn man eben dann doch nicht in der Forschung landen möchte. Den Taxischein gleich mitmachen? Etwas zynisch, zugegeben, aber es trifft so eben die Realität. Was bringt es uns denn, hochqualifizierte Arbeitslose zu haben, die bei Rewe Regale einräumen, dabei aber perfekt das Enuma Elis aus dem Sumerischen übersetzen und in historischen Kontext setzen können?

Mögen diejenigen, die die Entscheidungen treffen, denn die Botschaft hören und möge ihnen auch der Glaube nicht fehlen.

Ich fahre mal mit überspitztem Zynismus fort.

Einige Universitäten haben dieses Problem erkannt und umgehend gebannt. Interdisziplinarität war (oder ist) das Schlagwort der Zeit. Ich bin ganz bei den Damen und Herren aus den Instituten, die sich mit der Konzeption der Studiengänge befassen, die interdisziplinär arbeiten möchten. Aber ich bin ja der Geist, der stets verneint. Es finden sich dann nämlich plötzlich Studiengänge, die unter dem Mantel der Interdisziplinarität so viele, teilweise tatsächlich fachfremde Dinge miteinander vereinen, dass in einem Masterstudiengang das gleiche Problem herrscht, das gängig im Bachelor schon angemahnt wird: Man weiß, dass man nichts weiß. Was im Bachelor noch einigermaßen gewollt ist, nämlich den Studierenden möglichst breit auf ein Fach und dementsprechend auf ein möglichst vielfältiges Qualifikations- und Weiterbildungsangebot nach dem Studium vorzubereiten, kann im Fall des Masters eher fatale Folgen haben. Nach Abschluss desselben sollte der Absolvent nämlich bestenfalls in der Lage sein, Forschungen durchzuführen und er sollte in einem spezifischen Teilbereich seines Faches spezielle Skills erworben haben. Eigentlich – so Bologna – soll der Master auf eine wissenschaftliche Karriere vorbereiten, der Bachelor soll den Berufseinstieg ermöglichen.

Nun haben wir uns offensichtlich weit von den hehren Zielen der Bologna-Reform wegbewegt und der Eigendynamisierungsprozess der Akkreditierungswut so einiger Institute ist seinen autonomen, in oft finst’re Wissenschaftsgefilde führenden Weg gegangen. Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen. Aber weit gefehlt. Es entstehen plötzlich Studiengänge wie etwa “Angewandte Freizeitwissenschaft”, der u.a. aus dem Touristikmanagement entstanden ist. Hier wird der Menschheit ihr wohlverdientes Rekreationsbedürfnis erklärt und nahegelegt, wie es denn bitte auszusehen hat, es wird sozialwissenschaftlich analysiert und sozialpädagogisch begleitet. Bis man sich dann eines Tages in einem Hotel als Wellnessberater wiederfindet und Oma Erna eine Fangopackung nach der Sauna empfiehlt. Dafür hat man dann mindestens fünf Jahre studiert.

Hauptsache, man hat einen wohlklingenden Abschluss, und interdisziplinär ist sowieso das Zauberwort, das alle Türen öffnet.

Denn was man schwarz auf weiß besitzt, das kann man getrost nach Hause tragen. (Ich höre wirklich gleich mit Goethe auf.)

Interdisziplinarität wäre tatsächlich der Schlüssel, mit dem auch Freund Faust was hätte anfangen können. Dazu aber müssten sich die Damen und Herren Gelehrten runter von ihrem Elfenbeinturm begeben und Pfründe aufgeben, die sie über lange Zeit gehortet und mühevoll genährt haben. Das bedeutete, über Schatten zu springen, die groß und teilweise übermächtig sind. So übermächtig wie einige Egos der Besitzer.

Da stellt sich mir aber nicht zum ersten Mal die Frage, wofür Forschung denn eigentlich betrieben wird? Für das eigene Ego? Für die eigene Karriere und die Vita? Hyperphorastisch müsste ich jetzt wohl mit einem zornentrüsteten Nein antworten. Mach ich aber nicht. Natürlich wird jeder Wissenschaftler auch für o.g. Punkte Forschung betreiben. Nicht zuletzt, weil er, um irgendwann mal weiterzukommen, zitiert werden will. Wir wollen ja realistisch bleiben und auch ein wenig – trotz aller Träumerei – auf dieser bitt’ren Welt. Aber der eigentlich Gedanke, der einen Forscher antreiben sollte, ist doch der dem Forschen zugrunde liegende namensgebende Drang. Ich möchte etwas erkunden, weil ich neugierig bin, wie etwas funktioniert, was die Zusammenhänge zwischen bestimmten Gegebenheiten sind. Und wenn ich das herausgefunden habe, ist es das letzte, das ich möchte, dieses Wissen mit ins Grab zu nehmen, sondern es der Welt zu präsentieren und vor allem es einem breiten Diskurs auszusetzen, um es zu verifizieren. Das ist doch die Triebfeder, die Leonardo dazu gebracht hat, Obduktionen entgegen den Anweisungen der Kirche durchzuführen, die Galileo fast auf den Scheiterhaufen brachte und Newton den Apfel durch die Gegend pfeffern ließ.
Was haben wir heute? Masterarbeiten über das Fortpflanzungsverhalten einer Salzwasserpolypenart, die es nur im Kaspischen Meer in einer Tiefe zwischen 600 und 700 Metern gibt, in Bezug auf die globale Erwärmung in den Jahren 2013-2015. Kein Witz.

Ich verurteile keineswegs den Kommilitonen, der die Arbeit angefertigt hat, auch nicht das Forschungsgebiet oder überhaupt irgendetwas daran. Wie gesagt finde ich jede Forschung irgendwie interessant. Ich finde es nur sehr schade, dass Ressourcen, Geister und Kräfte in Randgebieten aufgebracht werden, die aller Wahrscheinlichkeit nach dazu dienen, eine wie auch immer geartete Prüfungs- oder Abschlussleistung erbracht zu haben, aber ansonsten keinen Mehrwert mehr haben werden. Natürlich kann man von einem Masterabsolventen keine glorreiche Grundlagenforschung oder grundlegende Neuerkenntnis im Sinne einer Promotion erwarten.

Aber der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an. Ich frage mich, warum immer im kleinen Kreis gedacht wird. (Obwohl immer übertrieben ist. Ich kenne tolle Projekte, die genau in die richtige Richtung weisen, die aber aufgrund von Finanzierungsproblemen oder mangels Interesse aufgegeben wurden.) Ressourcenbündelung bzw. -optimierung ist da das Stichwort. Es wäre geradezu ein Morus’sches Utopia, würden die oben bereits erwähnten Schatten übersprungen und tatsächlich eine Forschung betrieben werden, die – ja, vielleicht ein bisschen kühn, hehr und idealistisch – das Ziel hat, für die Menschen zu arbeiten. Tatsächlicher altruistischer Erkenntnisgewinn. Sofort wird jetzt wahrscheinlich gejammert: Jaaaa, aber eine Universität ist ja eigentlich ein Wirtschaftsbetrieb und muss sich ja finanzieren. Nein. So ist die Nummer von unseren Gründervätern nicht gedacht worden. Grau ist alle Theorie. Aber hier kann man auch nicht nach schwarz und weiß unterteilen. Natürlich sind Universitäten chronisch pleite wie die sie besuchenden Studenten und sie müssen über Drittmittel und Patente versuchen, Geld für den Unterhalt ranzubringen. Dazu werden die Angestellten oft dahin gedrängt, möglichst einträgliche Forschung zu betreiben und jene, die vielleicht nicht so attraktiv auf dem Markt erscheint, liegenzulassen. Dagegen steht aber der Bildungs- und Forschungsauftrag, und die im Grundgesetz verankerte  Forschungsfreiheit, die das BVerfG untermauert hat, indem es sagte: “Zugunsten der Wissenschaftsfreiheit ist stets der diesem Freiheitsrecht zugrundeliegende Gedanke mit zu berücksichtigen, dass gerade eine von gesellschaftlichen Nützlichkeits- und politischen Zweckmäßigkeitsvorstellungen befreite Wissenschaft dem Staat und der Gesellschaft im Ergebnis am besten dient.” Das heißt also, dass jene Forschung, die dem Wohl und der Nützlichkeit der Allgemeinheit und der Gesellschaft gereicht, ist der der marktwirtschaftlich attraktiven Wissenschaft vorzuziehen.

Ich will versuchen, einen konkreten Fall zu konstruieren. Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. Nehmen wir mal das Fallbeispiel Eifersucht. Ich möchte ergründen, warum es sie überhaupt gibt, was für Bedingungen gegeben sein müssen und was ich dagegen tun kann.

Jetzt würde wahrscheinlich jede Disziplin für sich die allumfassende und erleuchtende Weisheit reklamieren und mit der nächstbesten These, um nicht zu sagen mit der eierlegenden Wollmilchsau aufwarten. Die Psychologie allen voran würde wohl einiges aus dem Voodoo-Hut zaubern können, die Biologie hat garantiert einige Teildisziplinen im Karren, aus denen sie im Bereich Evolutions-, Neuro- und Verhaltensbiologie sowie der Zoologie und Biochemie was bieten könnte, die Sozialwissenschaften würden wohl über Durkheims Naturvölkerbeobachtungen bis hin zur Foucault’schen Machtausübung was parat haben, eventuell würde sich die Philosophie auch noch zu Wort melden, so als Mutter aller Wissenschaften. Sicherlich könnte man sich auch noch mit einer historischen Diskursanalyse dem Thema nähern. Alles in allem – und da läge ich meine Hand für ins Feuer – käme es binnen fünf Minuten zu Rangkämpfen um die Vormachtstellung der eigenen Disziplin, brächte man einige Wissenschaftler aus den genannten Fachbereichen mit der Aufgabenstellung an einen Tisch. Blutige Nasen vorprogrammiert.

Dabei ist der Weg so einfach. Man bräuchte quasi einen Moderator/Gruppenleiter. Und im Anfang war die Tat: Eine Disziplin muss den Grundstein legen, auf denen die anderen aufbauen können. Wenn im konkreten Fall bspw. die Evolutionsbiologie herausarbeiten könnte, welchen evolutischen Fitness-Vorteil Eifersucht bringt/gebracht hat, könnte sich die Soziologie einklinken und einen ökonomischen und gesellschaftlichen Nutzen bestimmen. Auf den evolutionsbiologischen Erkenntnissen kann die Neuro und die Biochemie aufsetzen. Auf den gewonnenen Grundlagenerkenntnissen der vorangegangenen Forschungen könnte nun die Psychologie mit einer breiten Basis an Probanden eine Feldforschung durchführen. Zum Schluss käme vielleicht ein dickes Werk dabei heraus, das – sicher nicht vollständig – einen großen Schritt zum Begreifen des menschlichen Verhaltens in Extremsituationen beitragen könnte und somit der Gesellschaft und der Allgemeinheit einen Dienst erweisen könnte. Natürlich wäre eine solche interdisziplinäre Forschung nur eine Basis und der Ausgangspunkt für weitere Projekte in anderen Fachbereichen. Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein.

Das soll nur eine Anregung sein, was vielleicht machbar wäre, und ein Gedankenspiel. Ich weiß nicht, ob sich wirklich mal so viele Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen an einen Tisch bringen lassen, um konstruktiv zu arbeiten. Fluch sei der Hoffnung! Aber wäre das nicht erstrebenswert und vor allem mal angenehm in unserer derzeitigen Forschungslandschaft, in der nur nach dem nächsten Drittmittel hergesabbert wird, die entsprechenden -geber hofiert werden und Pakte geschlossen werden, die sogar einem Dr. Faust die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte?

Was glänzt, ist für den Augenblick geboren, das Echte bleibt der Nachwelt unverloren.

P.S.: Wer alle 16 Zitate aus dem Faust beim Lesen entdeckt hat, hat sich zumindest für einen B.A. in Germanistik qualifiziert. Ist doch schon mal was.

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